Psychopharmakologie · 06 Fachrecherche

Stimulanzien vs. Cannabis bei AuDHS: Was die Forschung zeigt

Zwischen rechtlicher Einstufung, wissenschaftlicher Evidenz und dem, was ein Nervensystem im Alltag tatsächlich erlebt.

AuDHSStimulanzienCannabinoide
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Methylphenidat und Lisdexamfetamin sind in Deutschland weiterhin Betäubungsmittel nach Anlage III BtMG. Medizinisches Cannabis dagegen untersteht seit April 2024 nicht mehr dem BtMG, sondern dem MedCanG. Wer daraus schließt, das eine sei deshalb das riskantere, das andere das mildere Mittel, verwechselt zwei Kategorien, die unabhängig voneinander laufen: rechtliche Einstufung sagt nichts über wissenschaftliche Evidenz aus, und genau umgekehrt verhält es sich bei der Frage, was bei AuDHS tatsächlich wirkt.

Was belegt ist und was nicht

Keine Anleitung zur Selbstbehandlung: Aus dem Vergleich folgt keine Empfehlung, eine Substanz zu beginnen, zu beschaffen, zu kombinieren, abzusetzen oder umzudosieren. Medikamentöse Entscheidungen und auffällige Nebenwirkungen gehören in ärztliche Begleitung.

Für ADHS-bedingte Aufmerksamkeits- und Impulskontrollstörungen ist die Studienlage zu Stimulanzien deutlich dichter als zu Cannabinoiden, das gilt auch dann, wenn zusätzlich Autismus vorliegt, auch wenn Ansprechen und Verträglichkeit bei autistischen Kindern uneinheitlicher ausfallen als bei rein ADHS-typischen Verläufen. Zu Cannabis gibt es bislang nur einen kleinen randomisierten Pilotversuch mit dreißig erwachsenen ADHS-Patienten, dessen primärer kognitiver Endpunkt nicht signifikant ausfiel. Bei Autismus existiert eine größere, mit hundertfünfzig Personen besetzte Studie zu einem stark CBD-dominierten Präparat, die ein positives und ein negatives primäres Ergebnis gleichzeitig lieferte, die Autoren selbst bezeichneten die Wirksamkeitsevidenz als gemischt.

Die verbreitete Behauptung, Stimulanzien würden die ADHS-Seite behandeln und Cannabis den autistischen Anteil regulieren, lässt sich damit als individuelle Erfahrung durchaus ernst nehmen, als wissenschaftlich belegtes AuDHS-Modell trägt sie derzeit nicht.

Katecholaminregulation in mehreren Netzwerken

„ADHS ist ein Dopaminmangel" ist eine zu einfache Erklärung. In der kleinen PET-Studie unterschied sich die Dopamintransporter-Verfügbarkeit vor der Behandlung nicht signifikant von der Kontrollgruppe; nach zwölf Monaten Methylphenidat war sie in der untersuchten ADHS-Gruppe erhöht. Dieser Befund beschreibt eine Gruppenveränderung unter Behandlung. Er beweist weder einen ursprünglichen Mangel noch erklärt er die individuelle Wirkung eines Stimulans.

Bei mir traten trockener Mund und wenig Appetit auf. Das ist eine persönliche Beobachtung, keine Ableitung aus der PET-Studie und kein Beweis für einen bestimmten Netzwerk- oder Botenstoffmechanismus.

Der Unterschied in einer Tabelle

BereichStimulanzienCannabinoide
Aufmerksamkeitklarer Zielbereich, gut belegtkeine belegte ADHS-Wirksamkeit
Arbeitsgedächtniskann sich verbessernakutes THC verschlechtert es in kontrollierten Studien
Impulskontrolleetablierter Zielbereichein kleines Signal, nicht bestätigt
Sensorische Filterungkein primärer Zielbereichsubjektive Dämpfung möglich, keine belegte Filterverbesserung
Bewusstseinsklarheitsoll nicht intoxizierenTHC ist psychoaktiv und verändert Wahrnehmung direkt

Ein kontrolliertes THC-Experiment fand unter den untersuchten Bedingungen eine schlechtere Leistung im visuellen Arbeitsgedächtnis und mehr Mind-Wandering. Das ist ein Gruppenbefund zu einer akuten Versuchssituation. Er beweist weder eine allgemeine Alltagswirkung noch, wie sich eine einzelne Person subjektiv fühlt.

Wenn mehr Fokus nicht weniger Überlastung bedeutet

Die hier verwendeten Studien prüfen nicht, ob verbesserte Aufmerksamkeit bei AuDHS sensorische Reize verstärkt. Sinnvoll bleibt nur die begrenzte Verlaufsfrage: Welche Bereiche verändern sich tatsächlich – etwa Aufgabenbeginn, Schlaf, Appetit oder sensorische Belastung – und welche bleiben unverändert?

Bei mir sah das konkret so aus, dass ich innerlich in eine Art Anspannungszustand geriet, der von außen nach Konzentration aussah, sich von innen aber eher wie neben mir stehen anfühlte, als würde ich zusehen, wie mein Körper funktioniert, ohne dass ich selbst richtig da war. Das lässt sich schwer in ein Studienergebnis übersetzen, weil es keine Dissoziation im klinischen Sinn war, aber es war auch keine Regulation, die sich gut angefühlt hat.

Für dich, falls du das kennst

Subjektive Entlastung und beobachtbare Funktionsveränderung sollten getrennt dokumentiert werden. Appetitlosigkeit, Schlafprobleme, starke innere Anspannung oder andere belastende Veränderungen gehören fachlich abgeklärt; dieser Artikel gibt bewusst keine Dosierungs- oder Absetzhinweise.

Quellen und Einordnung

Die Rechtsquellen tragen nur die rechtliche Einordnung. Die klinischen Quellen betreffen unterschiedliche Populationen und Endpunkte: autistische Kinder und Jugendliche mit ADHS-Symptomen, einen kleinen ADHS-Pilotversuch mit Cannabinoiden, einen Autismus-Versuch, eine PET-Gruppenstudie und ein akutes THC-Experiment. Sie bilden keinen symmetrischen Wirksamkeitsvergleich und keine individuelle Empfehlung.

  1. Bundesministerium der Justiz: Anlage III zum Betäubungsmittelgesetz
  2. Bundesministerium der Justiz: Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG)
  3. Rodrigues et al. (2021): ADHD pharmacotherapy in autistic children and youth – systematic review and meta-analysis
  4. Cooper et al. (2017): Cannabinoids in ADHD – randomized controlled pilot trial
  5. Aran et al. (2021): Cannabinoid treatment for autism – randomized proof-of-concept trial
  6. Wang et al. (2013): Long-term methylphenidate treatment and dopamine transporter availability
  7. Adam et al. (2020): THC impairs visual working memory – randomized crossover trial