Wie wir recherchieren
Eine Quellenliste macht einen Text noch nicht belastbar. Uns interessiert nicht nur, ob irgendwo eine Studie existiert, sondern was sie tatsächlich untersucht hat, für welche Menschen ihr Ergebnis gilt, wie stark die Aussage ist und wo sie aufhört.
Ein großer Teil dieser Website beginnt mit einer Beobachtung, einer Erinnerung, einem Widerspruch oder einer Frage aus dem eigenen Leben. Persönliche Erfahrung darf eine Frage eröffnen. Sie darf die Antwort nicht automatisch festlegen.
Von einer Beobachtung zu einer prüfbaren Aussage
Unser Arbeitsweg sieht vereinfacht so aus:
- Beobachtung
- Frage
- Claim
- Quelle
- Gegenevidenz
- Grenze
- Vorläufige Einordnung
Beobachtung
Etwas fällt auf. Das kann eine eigene Erfahrung sein, ein wiederkehrendes Beziehungsmuster, eine Aussage aus einem Arztbrief, ein Begriff aus einem Buch oder ein Widerspruch zwischen zwei Erklärungen.
Eine Beobachtung ist zunächst genau das: etwas, das beobachtet wurde. Sie benennt noch keine Ursache oder Diagnose und ist noch kein Beweis.
Frage
Aus der Beobachtung entsteht eine Frage, die enger sein muss als das ursprüngliche Gefühl.
Nicht: „Warum bin ich so?“ Sondern zum Beispiel: „Welche unterschiedlichen Erklärungen gibt es für dieses Verhalten?“ oder „Ist diese Behauptung überhaupt gut belegt?“
Claim
Dann wird aus der Frage eine konkrete Aussage, die prüfbar sein muss.
ADHS und PTBS können gleichzeitig auftreten.
Das ist etwas anderes als:
Mein damaliges Verhalten kam wegen einer unentdeckten Traumafolgestörung zustande.
Der erste Satz ist eine allgemeine Forschungsfrage. Der zweite wäre bereits eine rückwirkende Einzelfalldeutung. Diese Ebenen dürfen nicht vermischt werden.
Nicht jede Quelle kann dasselbe beantworten
Wir behandeln Quellen nicht alle gleich.
Ein persönlicher Erfahrungsbericht kann zeigen, dass jemand etwas so erlebt hat. Er kann nicht zeigen, wie häufig dieses Erleben vorkommt.
Eine Querschnittsstudie kann Zusammenhänge zeigen. Sie beweist nicht automatisch Ursache und Wirkung. Eine Metaanalyse kann viele Studien zusammenführen. Sie wird dadurch nicht automatisch auf jede einzelne Person übertragbar.
Eine Leitlinie beantwortet andere Fragen als eine Laborstudie. Ein diagnostisches Manual wiederum beschreibt Kriterien und Begriffe, nicht die gesamte Entstehungsgeschichte eines Menschen.
Darum reicht uns die Angabe „Quelle vorhanden“ nicht. Zu einem Claim gehört auch die Frage: Was darf diese Quelle tatsächlich tragen?
Quelle und Claim müssen zueinander passen
Ein häufiger Fehler entsteht schon durch ein einziges Wort. Eine Studie untersucht PTBS. Im Text steht plötzlich kPTBS.
Eine Studie untersucht Gruppenunterschiede. Im Text klingt es, als könne daraus eine einzelne Person diagnostiziert werden. Eine Studie findet eine Korrelation. Aus der Zusammenfassung wird eine Ursache.
Genau an solchen Stellen versuchen wir, Aussagen enger zu machen. Nicht, weil eine vorsichtigere Formulierung weniger interessant wäre, sondern weil sie näher an dem liegt, was die Daten tatsächlich sagen.
Gegenevidenz gehört dazu
Wenn wir nur nach Material suchen, das unsere erste Idee bestätigt, betreiben wir keine Prüfung. Dann sammeln wir Argumente.
Deshalb gehört zu einer belastbaren Einordnung auch:
- Was spricht dagegen?
- Gibt es Studien mit anderen Ergebnissen?
- Wurde ein Befund nur in einer kleinen oder speziellen Population gefunden?
- Gibt es alternative Erklärungen?
- Ist die Theorie umstritten?
- Hat sich der Forschungsstand verändert?
Manchmal bleibt danach eine klare Aussage übrig. Manchmal wird sie enger. Und manchmal bleibt nur: Das wissen wir noch nicht gut genug. Auch das ist ein Ergebnis.
Persönliche Erfahrung bleibt eine eigene Evidenzschicht
Auf katharsis.369 geht es nicht darum, die eigene Geschichte aus den Texten herauszurechnen. Viele Fragen wären ohne sie überhaupt nicht entstanden.
Aber wir trennen:
- Was habe ich erlebt?
- Was wurde damals dokumentiert?
- Wie interpretiere ich es heute?
- Was lässt sich allgemein wissenschaftlich dazu sagen?
Diese vier Ebenen können zusammenpassen. Sie können sich aber auch widersprechen. Ein alter Arztbrief ist keine neutrale Wahrheit über einen Menschen. Eine heutige Erinnerung ist es ebenfalls nicht.
Gerade deshalb wird es interessant, wenn mehrere unabhängige Spuren dasselbe stützen – oder eben nicht.
Unsicherheit ist kein Fehler im Text
Wir verwenden Formulierungen wie „spricht dafür“, „kann zusammenhängen“, „in dieser Population“, „im Durchschnitt“, „bisher nicht ausreichend untersucht“, „plausible Erklärung“, „alternative Erklärung“, „unklar“ und „nicht diagnostiziert“ nicht, um uns vor einer Aussage zu drücken.
Diese Begriffe sind Teil der Aussage. Wenn eine Quelle nur eine begrenzte Reichweite hat, soll der Text diese Grenze behalten.
Ein Ergebnis bekommt nicht automatisch recht
Auch ein sauber recherchiertes Ergebnis bleibt überprüfbar. Neue Quellen können eine alte Einordnung verändern. Ein methodischer Fehler kann auffallen. Eine persönliche Erinnerung kann durch ein Dokument korrigiert werden. Ein Begriff kann sich als zu grob herausstellen.
Dann ändern wir den Text. Substantielle Änderungen sollen zusätzlich auf unserer Korrekturseite nachvollziehbar werden.
Was wir nicht behaupten
Diese Methodik bedeutet nicht:
- dass jeder Artikel ein vollständiges systematisches Review ist;
- dass wir klinische Diagnostik ersetzen;
- dass eine Quelle jede persönliche Deutung bestätigt;
- dass Peer Review automatisch Wahrheit bedeutet;
- dass eine Metaanalyse für jeden einzelnen Menschen gilt;
- dass eine persönliche Erfahrung weniger real wird, wenn ihre Ursache unklar bleibt;
- dass symbolische oder spirituelle Deutungssysteme denselben empirischen Status haben wie wissenschaftliche Forschung.
Eine symbolische Linse kann Fragen oder Reflexion anstoßen. Sie darf dadurch nicht als klinischer oder empirischer Nachweis ausgegeben werden.
Warum wir das öffentlich machen
Methodik ist für uns kein interner Maschinenraum, den man erst sehen darf, wenn man der richtigen Aussage zustimmt.
Wenn wir von anderen verlangen, Quellen, Macht und Unsicherheit ernst zu nehmen, müssen wir sichtbar machen, wie wir selbst damit umgehen. Unser Vorgehen ist nicht perfekt, soll aber überprüfbar bleiben.