Fachrecherche · Substanzen & Selbstregulation
Fachrecherche · Psychopharmakologie · Teil 2 von 2

Cannabis, Entzug und trauma-informierte Entwöhnung

Was die Forschung zum Endocannabinoidsystem bei PTBS tatsächlich zeigt, welche Gegenbefunde dazugehören und welche Fragen in ein fachliches Gespräch über Entwöhnung gehören.

Endocannabinoidsystem Cannabisentzug Harm Reduction
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Persönliche Einordnung

Cannabis war bei mir nie der Startknopf, den Nikotin für mich war. Es war eher das Gegenteil, der Ausschalter. Distanz, wenn Nähe zu viel wurde. Weniger Intrusionen, weniger dieses Gefühl, dass die Vergangenheit sich über die Gegenwart legt. Manchmal auch einfach: endlich schlafen können, ohne die halbe Nacht wachzuliegen und durchzuspielen, was schiefgehen könnte.

Was ich lange nicht sehen wollte: Wenn Nikotin mein Startknopf war und Cannabis mein Ausschalter, dann hatte ich am Ende zwei Substanzen, die mein Nervensystem in entgegengesetzte Richtungen gezogen haben, gleichzeitig, jeden Tag. Das ist keine Regulation mehr. Das ist ein System, das sich selbst hin- und herreißt, nur eben chemisch statt nur emotional.

Das Endocannabinoidsystem bei PTBS: Befund und Gegenbefund

Eine PET-Studie von 2013 fand bei der untersuchten PTBS-Gruppe eine erhöhte CB1-Rezeptorverfügbarkeit und veränderte Anandamidwerte.[1] Eine weitere PET-Studie von 2025 fand dagegen keine Unterschiede der CB1-Rezeptorverfügbarkeit zwischen PTBS-, traumaexponierter und gesunder Kontrollgruppe. Sie berichtete lediglich einen Zusammenhang mit einem einzelnen Symptomcluster.[2] Die Autor:innen diskutieren unter anderem Stichprobe, Traumaart, Alter und die Anpassungsfähigkeit des Endocannabinoidsystems als mögliche Gründe für die Abweichung.

Damit gibt es weder einen gesicherten PTBS-Biomarker auf dieser Grundlage noch einen daraus ableitbaren individuellen Behandlungsplan. Aus dem früheren Befund folgt auch nicht, dass exogenes THC einen vermeintlichen Anandamidmangel physiologisch ersetzt. Biologische Plausibilität auf Rezeptorebene, ein Gruppenbefund in einer einzelnen Studie und eine belegte Behandlung sind drei verschiedene Aussagen.

Was die kontrollierte Studienlage tatsächlich zeigt

In einer placebokontrollierten Untersuchung gerauchter Cannabispräparate bei PTBS wurden Präparate mit hohem THC, hohem CBD sowie eine THC/CBD-Kombination mit Placebo verglichen. Die Symptome besserten sich in mehreren Gruppen, aber keine der aktiven Cannabisformulierungen zeigte im primären kontrollierten Vergleich eine überzeugende Überlegenheit gegenüber Placebo.[3]

Auch die hier angeführte systematische Übersicht beschreibt eine begrenzte und uneinheitliche Studienlage.[5] Daraus folgt nicht, dass eine einzelne Person keinerlei akute Symptomlinderung wahrnehmen kann. Subjektiv erlebte Wirkung und ein belastbarer Wirksamkeitsnachweis für die Behandlung von PTBS sind jedoch zwei verschiedene Aussagen.

THC ist ebenfalls kein verlässlicher „Vagus-Schalter“

Die fünf hier aufgeführten Quellen belegen keine einfache Aussage darüber, dass THC den Vagus „aktiviert“ oder eine bestimmte autonome Reaktion zuverlässig erzeugt. Aus subjektiv erlebter Beruhigung lässt sich deshalb keine konkrete Veränderung der Herzratenvariabilität oder anderer autonomer Messwerte ableiten. Für solche Aussagen wären eigene, passend zitierte Studien nötig.

Cannabisentzug: ein eigenes, oft unterschätztes Syndrom

Nach regelmäßigem oder abhängigem Cannabisgebrauch können beim Absetzen unter anderem Reizbarkeit, Angst oder Nervosität, Unruhe, Schlafprobleme, veränderte Träume und verminderter Appetit auftreten.[4] Wie stark Cannabis- und Tabakentzug im direkten Vergleich ausfallen, wird mit den hier angeführten Quellen nicht belastbar beantwortet.

Bei gleichzeitigem Nikotin- und Cannabisgebrauch können sich Beschwerden während einer Veränderung überlagern und lassen sich aus der Ferne nicht sicher einer einzelnen Ursache zuordnen. Aus den fünf Quellen folgt weder eine universelle Reihenfolge für das Absetzen noch eine Empfehlung, beide Substanzen gleichzeitig zu verändern. Das muss individuell und fachlich geklärt werden.

Was diese Quellen zur Entwöhnung nicht beantworten

Die vorhandenen Arbeiten tragen keine pauschale Aussage, dass Standardverfahren bei PTBS regelmäßig scheitern oder ein abrupter Stopp zwangsläufig zu einer psychischen Dekompensation führt. Für kPTBS enthält diese Quellenauswahl keine eigenständige Studiengrundlage; Befunde zu PTBS werden deshalb hier nicht auf kPTBS übertragen.

Die fünf Quellen belegen außerdem weder die Überlegenheit eines bestimmten Tabakentwöhnungsprogramms noch eine feste Reihenfolge von Trauma- und Suchtbehandlung. Solche Entscheidungen brauchen dafür geeignete Leitlinien und Studien sowie eine individuelle fachliche Einschätzung. Der Artikel leitet daraus kein Behandlungsschema ab.

Traumainformierte Entwöhnung: Gesprächsrahmen statt Behandlungsplan

Traumainformiert zu fragen bedeutet hier zunächst, mögliche Funktionen des Konsums nicht mit einer moralischen Bewertung zu verwechseln. Pharmakologische Wirkung, Gewohnheit, sensorimotorisches Ritual, soziale Funktion und wahrgenommene Selbstregulation können dafür getrennt besprochen werden. Das ergibt noch keine richtige Reihenfolge für eine Reduktion und keine Aussage darüber, welche Behandlung zu einer einzelnen Person passt.

Kein Selbstbehandlungsplan: Die folgenden sechs Punkte sind Fragen für ein Gespräch mit ärztlichen, psychotherapeutischen oder suchtmedizinischen Fachpersonen. Sie legen weder eine Reihenfolge noch Dosierungen oder einen sicheren Entzugsweg fest. Bei Abhängigkeit, schwerer psychischer Belastung oder gleichzeitiger Medikation sollte eine Veränderung nicht allein aus diesem Text abgeleitet werden.

Für dieses Gespräch können sechs Bereiche getrennt betrachtet werden:

  1. Funktion. In welchen Situationen wird konsumiert, und welche unmittelbare Wirkung wird jeweils gesucht oder erlebt?
  2. Begleitbelastungen. Welche Rolle spielen Schlaf, Angst, Dissoziation, Traumaerinnerungen, Schmerzen oder andere psychische und körperliche Faktoren?
  3. Medizinische Unterstützung. Welche evidenzbasierten Hilfen kommen im konkreten Fall infrage, und welche Risiken oder Wechselwirkungen müssen vorher geprüft werden?
  4. Ritual und Umgebung. Welche Pausen, Handlungen, Orte oder sozialen Situationen sind mit dem Konsum verbunden, unabhängig von der Substanzwirkung?
  5. Alltagsfunktion. Was verändert sich bei Aufgabenbeginn, Fokus, Übergängen oder Arbeitsgedächtnis, und welche Unterstützung wäre dafür realistisch?
  6. Verlauf und Sicherheit. Welche Reaktionen treten bei einer Veränderung auf, wie werden sie beobachtet, und wann braucht es zusätzliche oder sofortige fachliche Hilfe?

Bei gleichzeitigem Cannabis- und Nikotinkonsum lohnt sich eine getrennte funktionale Frage für beide Substanzen: Aktiviert Nikotin, beendet es Entzug, startet es Aufgaben, reorientiert es? Dämpft Cannabis Intrusionen, erleichtert es Schlaf, reduziert es körperliche Spannung, oder verstärkt es an manchen Tagen sogar Dissoziation und erschwert am nächsten Tag Initiierung und Arbeitsgedächtnis? Die Antwort kann bei derselben Person je nach Dosis, Tageszeit und Ausgangszustand wechseln, und genau diese Variabilität ist der Punkt, an dem reine Willenskraft-Appelle an der eigentlichen Aufgabe vorbeigehen.

Schluss, offen

Ich hab keine saubere Erfolgsgeschichte anzubieten, keinen Punkt, an dem ich sagen kann, seitdem ist alles gelöst. Was sich verändert hat: Ich weiß jetzt, welche Funktion welcher Konsum bei mir tatsächlich hatte, Startknopf hier, Ausschalter dort, und dass beides gleichzeitig irgendwann kein Gleichgewicht mehr war, sondern zwei Pole, zwischen denen mein Nervensystem hin- und hergerissen wurde. Das macht die Sache nicht leichter, aber ehrlicher. Und ehrlicher ist, zumindest bei mir, der einzige Ausgangspunkt, an dem sich überhaupt etwas verändern lässt.

Gesamtsynthese aus beiden Teilen

Aus den hier angeführten Arbeiten folgt ein begrenztes Bild: Die beiden PET-Studien zu PTBS kommen bei der CB1-Rezeptorverfügbarkeit nicht zum selben Ergebnis.[1][2] Die kontrollierte Cannabisstudie zeigte im primären Vergleich keine überzeugende Überlegenheit der aktiven Präparate gegenüber Placebo,[3] und Cannabisentzug ist ein eigener klinisch relevanter Gegenstand.[4] Welche Funktion der Konsum für eine einzelne Person hat, lässt sich daraus ebenso wenig ableiten wie ein sicherer Entwöhnungsweg. Für kPTBS wird hier keine gesonderte Evidenz behauptet.

Für ein fachliches Gespräch ist deshalb nicht nur die Frage relevant, warum jemand an einer Gewohnheit festhält. Ebenso wichtig ist, welche Funktionen die Person dem Konsum zuschreibt und was bei einer Veränderung tatsächlich geschieht. Welche Unterstützung medizinisch, psychotherapeutisch, körperlich oder organisatorisch sinnvoll und sicher ist, muss anschließend individuell geprüft werden.