Ich brauche keine weitere Instanz, die mir erklärt, wer ich angeblich bin. Davon hatte ich in meinem Leben genug. Über ungefähr dreißig Jahre gab es immer wieder Menschen, Institutionen und Gruppen, die meinten, mich besser einordnen zu können als ich selbst. Eltern, Ärzte, Beziehungen, falsche Freunde, irgendwelche Gruppierungen, später auch spirituelle und esoterische Systeme. Die Personen und Erklärungen haben gewechselt, das Muster war erstaunlich ähnlich. Irgendjemand hatte eine Theorie über mich, und plötzlich sollte ich mich innerhalb dieser Theorie erklären.
Das hat mich irgendwann grundsätzlich misstrauisch gegenüber Systemen gemacht, die nach sehr wenig Information sehr viel über einen Menschen wissen wollen. Ein Persönlichkeitstest stellt dir zehn oder zwanzig Fragen und teilt dir anschließend mit, welcher Typ du bist, welche Bindungsform du hast oder ob du angeblich narzisstische Eigenschaften besitzt. Was soll ich mit einer solchen Sicherheit anfangen, wenn das System fast nichts über mein Leben weiß? Es kennt den Kontext der Antworten nicht, weiß nicht, wie ich die Fragen verstanden habe, und weiß auch nicht, ob ich dieselbe Frage fünf Jahre früher völlig anders beantwortet hätte.
Bei Diagnosen ist das komplizierter, weil sie natürlich einen realen medizinischen Zweck haben können und bei mir selbst auch Dinge verständlicher gemacht haben. Trotzdem habe ich erlebt, wie schnell eine Diagnose aus einer Beschreibung eines bestimmten Zustands zu einer dauerhaften Linse werden kann, durch die anschließend fast alles gelesen wird. Dann steht etwas einmal in der Akte und begleitet dich weiter, selbst wenn der ursprüngliche Kontext längst verschwunden ist. Irgendwann wird nicht mehr gefragt, ob eine alte Einordnung heute noch passt, sondern das aktuelle Verhalten wird wieder durch dieselbe alte Einordnung erklärt.
Arztbriefe haben mir dabei besonders deutlich gezeigt, wie viel Deutungshoheit in wenigen Sätzen stecken kann. Ich war sechs Wochen in einer Klinik und hatte trotzdem Ärzte, die mich persönlich nur sehr begrenzt erlebt haben. Am Ende entsteht ein Bericht, der anschließend für andere Fachpersonen zu einer wichtigen Quelle über mich wird. Derjenige, der den Bericht liest, sieht die sechs Wochen nicht. Er sieht den Text. Und dieser Text kann länger Bestand haben als die Begegnung, aus der er entstanden ist.
Ich finde deshalb bis heute schwer verständlich, warum solche Dokumente nicht viel stärker gemeinsam überprüft werden. Nicht damit ein Patient jede unangenehme Einschätzung entfernen kann. Ein Arzt muss schreiben dürfen, was er fachlich beobachtet und wie er es bewertet. Aber ich möchte wenigstens sehen können, ob meine Aussagen korrekt wiedergegeben wurden, ob biografische Fakten stimmen und ob erkennbar bleibt, was meine eigene Beschreibung und was die Interpretation des Arztes ist. Wenn jemand ein Dokument erstellt, das möglicherweise Jahre später noch darüber mitentscheidet, wie andere mich sehen, halte ich diese Unterscheidung nicht für übertrieben.
Dasselbe Problem finde ich in völlig anderen Bereichen wieder. Astrologie kann für mich beispielsweise interessant sein, gerade weil sich damit symbolische Muster untersuchen lassen. Aber sobald jemand aus einem Geburtshoroskop eine endgültige Wahrheit über einen Menschen macht, wird aus einer möglichen Perspektive wieder eine Autorität. Das interessiert mich nicht. Ich möchte wissen, ob eine Deutung etwas sichtbar macht, was ich prüfen kann, und genauso, wo sie nicht passt. Wenn das System keinen Widerspruch verträgt, habe ich am Ende nur eine weitere Instanz gebaut, der ich glauben soll.
Im Coaching- und Spiritualitätsbereich ist diese Deutungshoheit teilweise direkt Teil des Geschäftsmodells. Da erklärt dir jemand zunächst, was mit dir angeblich nicht stimmt, warum du es selbst noch nicht erkennen kannst und welche Methode du anschließend brauchst, um endlich zu verstehen, was derjenige vorher schon über dich wusste. Genau dieselbe Struktur habe ich in esoterischen Gruppen, Verschwörungsbubbles und anderen geschlossenen Weltbildern gesehen. Besonders absurd finde ich, wenn Menschen behaupten, sie würden andere aus Manipulation und Kontrolle befreien, und anschließend mit denselben Angst-, Autoritäts- und Abhängigkeitsmechanismen arbeiten.
Mit KI lässt sich dieses Problem inzwischen noch sehr viel schneller skalieren. Zwei halbwegs geschickt formulierte Prompts reichen, und ein Sprachmodell kann dir innerhalb weniger Minuten ein komplettes System bauen, das plausibel klingt, Probleme definiert, Menschen kategorisiert und anschließend Lösungen dafür produziert. Wenn man dann noch ein bisschen kosmische Sprache, Psychologie und ein Bezahlmodell darüberlegt, wirkt es schnell tiefgründiger, als es tatsächlich ist. Ich habe solche Mechanismen selbst nachgebaut, gerade um zu verstehen, wie wenig dafür technisch notwendig ist. Veröffentlicht habe ich sie nicht. Mich hat eher interessiert, was passiert, wenn man dieselbe technische Leistungsfähigkeit in die entgegengesetzte Richtung baut.
Genau dort liegt für mich inzwischen der Ausgangspunkt von INNENSCHAU. Ich möchte kein System bauen, das mehr Daten über einen Menschen sammelt, nur um anschließend mit noch größerer Überzeugung zu behaupten, es wisse jetzt, wer dieser Mensch ist. Davon gibt es bereits genug Varianten. Mich interessiert ein System, das unterschiedliche Informationen zusammenbringen kann, ohne dabei so zu tun, als wären Beobachtung, Diagnose, Erinnerung, Fremdeinschätzung, Messwert und symbolische Deutung dasselbe.
Wenn etwas nur eine Hypothese ist, soll es eine Hypothese bleiben. Wenn etwas aus einer Akte stammt, soll sichtbar sein, aus welcher Akte und aus welchem Zeitraum. Wenn eine andere Quelle widerspricht, darf dieser Widerspruch nicht verschwinden, nur weil eine saubere Zusammenfassung hübscher aussieht. Wenn eine astrologische oder andere symbolische Perspektive etwas beschreibt, soll sie nicht plötzlich als wissenschaftliche Tatsache auftreten. Und wenn eine KI daraus eine Verbindung herstellt, darf diese Verbindung nicht dadurch wahr werden, dass sie besonders überzeugend formuliert ist.
Vielleicht ist das der wichtigste Unterschied zu vielen Systemen, die mich über die Jahre genervt haben. INNENSCHAU soll keinen Anspruch darauf haben, die letzte richtige Version eines Menschen zu produzieren. Es soll Material geben, mit dem ein Mensch sich selbst besser untersuchen kann.
Ich habe die Schnauze davon voll, dass immer irgendjemand zuerst eine Schublade baut und anschließend versucht, den Menschen passend hineinzuerklären. Genau deshalb baue ich lieber ein System, in dem auch die Schublade selbst überprüft werden kann.
Mehr Informationen ergeben nicht automatisch mehr Wahrheit
Je länger ich an INNENSCHAU arbeite, desto deutlicher wird mir, dass das eigentliche Problem nicht darin besteht, zu wenig Informationen über einen Menschen zu haben. Man kann sehr viele Informationen sammeln und daraus trotzdem eine schlechte Erklärung bauen. Im schlimmsten Fall wird die Erklärung sogar überzeugender, weil sie sich auf mehr Material stützen kann. Mehr Daten können einen Irrtum genauso gut stabilisieren wie eine gute Hypothese.
Deshalb reicht es für mich nicht, einfach möglichst viel zusammenzuführen. Entscheidend ist, was für Informationen das überhaupt sind. Eine eigene Erinnerung ist etwas anderes als ein Arztbrief. Ein Arztbrief ist etwas anderes als ein Messwert. Eine Aussage eines Partners ist etwas anderes als eine eigene Beobachtung. Ein wissenschaftlicher Befund ist etwas anderes als eine astrologische Deutung. Und eine Verbindung, die eine KI zwischen mehreren Dingen erkennt, ist noch einmal etwas anderes. Wenn ein System all diese Ebenen einfach in einen großen Topf wirft und am Ende daraus einen flüssigen Persönlichkeitstext erzeugt, sieht das vielleicht beeindruckend aus. Erkenntnistheoretisch ist es aber ziemlich schlampig.
Genau deshalb haben wir bei INNENSCHAU angefangen, Herkunft und Art einer Aussage mitzudenken. Mich interessiert nicht nur, was irgendwo steht, sondern auch, woher es kommt, wann es entstanden ist und wie belastbar es innerhalb seines eigenen Bereichs überhaupt sein kann. Wenn ich in einem alten Zeugnis als arbeitsverweigernd beschrieben werde, ist das zunächst eine damalige Beobachtung beziehungsweise Bewertung aus einem schulischen Kontext. Wenn ich heute sage, dass ich diese Situation anders verstehe, ist das meine heutige Perspektive. Eine spätere ADHS-Diagnose kann zusätzliche Zusammenhänge liefern. Keine dieser Ebenen muss dafür verschwinden.
Das ist für mich wesentlich sinnvoller, als rückwirkend eine einzige saubere Geschichte daraus zu machen. Menschen sind ohnehin nicht besonders sauber. Erinnerungen verändern sich, Einschätzungen verändern sich, Verhalten hängt vom Kontext ab und manche Dinge bleiben widersprüchlich. Ich halte es mittlerweile für verdächtiger, wenn ein System am Ende auf alles eine eindeutige Antwort hat, als wenn es an manchen Stellen sagen kann: Hier passen die Informationen gerade nicht vollständig zusammen.
Auch Widerspruch muss deshalb Teil des Systems sein. Wenn eine Quelle etwas anderes sagt als eine andere, darf die KI nicht einfach die Variante nehmen, die besser in die bisherige Erzählung passt. Es kann sein, dass eine Quelle falsch ist. Es kann sein, dass beide unterschiedliche Situationen beschreiben. Es kann sein, dass die Bedeutung erst später verständlich wird. Manchmal weiß man es schlicht nicht. Dieses Nichtwissen möchte ich lieber sichtbar behalten, als es mit einer überzeugenden Formulierung zuzukleistern.
Dasselbe gilt für Gegenbeispiele. Wenn eine Hypothese lautet, dass ich unter bestimmten Bedingungen grundsätzlich nicht leistungsfähig sei, dann interessieren mich nicht nur die Situationen, die dafür sprechen. Mich interessieren genauso die Situationen, in denen ich sehr leistungsfähig war. Wenn jemand aus fünf schlechten Beziehungserfahrungen eine bestimmte Eigenschaft über mich ableitet, muss genauso gefragt werden, ob es Situationen gab, in denen ich anders gehandelt habe. Sonst baut man kein Verständnis auf, sondern nur eine immer besser begründete Bestätigung dessen, was man vorher schon angenommen hat.
Für mich unterscheidet sich darin Forschung von Deutungshoheit. Deutungshoheit möchte irgendwann sagen können: So ist es. Forschung muss aushalten können, dass die Antwort vorläufig bleibt und dass neue Informationen eine bisherige Einschätzung verändern. Genau dieses Prinzip möchte ich auch auf persönliche Selbstuntersuchung übertragen.
Das heißt nicht, dass INNENSCHAU am Ende gar nichts sagen darf. Ein System, das nur permanent darauf hinweist, dass alles kompliziert ist, wäre genauso nutzlos. Natürlich soll es Muster erkennen, Zusammenhänge vorschlagen und Ergebnisse erzeugen. Ich möchte nur, dass erkennbar bleibt, welchen Status diese Ergebnisse haben. Eine gut gestützte Feststellung darf anders behandelt werden als eine schwache Hypothese. Eine persönliche Deutung darf anders aussehen als ein wissenschaftlicher Zusammenhang. Eine symbolische Perspektive kann interessant sein, ohne sich dafür als Naturgesetz ausgeben zu müssen.
Gerade bei Astrologie und anderen symbolischen Systemen ist mir diese Trennung wichtig. Ich finde es durchaus spannend, verschiedene Systeme nebeneinanderzulegen und zu untersuchen, ob Menschen bestimmte Deutungen als erstaunlich passend erleben oder ob sich wiederkehrende Muster zeigen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass die astrologische Ursache bewiesen wäre. Eine symbolische Lesart darf symbolisch bleiben und trotzdem einen Wert haben. Für mich verliert sie eher an Wert, wenn sie so tut, als müsste sie wissenschaftlich bewiesen sein, um überhaupt interessant sein zu dürfen.
Bei medizinischen und psychologischen Themen gilt die andere Richtung genauso. Nur weil etwas wissenschaftlich klingt, ist nicht jede individuelle Schlussfolgerung automatisch sicher. Studien arbeiten mit Gruppen, Diagnosen mit Kriterien und klinische Einschätzungen mit begrenzten Informationen. Daraus können sehr wichtige Erkenntnisse entstehen. Trotzdem bleibt ein Mensch mehr als der Durchschnitt einer Studie oder die Kriterienliste einer Diagnose.
Das ist einer der Gründe, warum ich INNENSCHAU nicht als Diagnostikmaschine bauen möchte. Es kann Hinweise strukturieren, Widersprüche sichtbar machen, Verläufe dokumentieren und dabei helfen, Fragen für eine echte Diagnostik vorzubereiten. Es kann vielleicht irgendwann sehr gut darin werden, zu erkennen, dass eine bestimmte fachliche Abklärung sinnvoll wäre. Aber der Sprung von „Diese Muster könnten relevant sein“ zu „Du hast diese Diagnose“ ist eine andere Art von Aussage und sollte auch als solche behandelt werden.
Dasselbe gilt für die KI selbst. Sie soll Zusammenhänge herstellen können, aber nicht heimlich neue Fakten erzeugen. Wenn sie aus zwei Informationen etwas ableitet, möchte ich wissen können, dass es eine Ableitung ist. Wenn die Grundlage schwach ist, soll das Ergebnis nicht durch schöne Sprache stärker wirken, als es tatsächlich ist. Und wenn eine Schlussfolgerung auf einer falschen Information beruht, muss sie korrigierbar sein, ohne dass das komplette persönliche Modell so tut, als hätte diese falsche Information nie existiert.
Für mich gehört deshalb auch Korrektur unmittelbar zur Architektur. Ich will kein System, bei dem Menschen irgendwann gegen ihr eigenes Profil argumentieren müssen, so wie ich heute teilweise gegen alte Akten argumentieren muss. Wenn jemand sagt, dass eine biografische Information falsch ist, muss sie überprüft und korrigiert werden können. Wenn jemand eine Interpretation anders sieht, sollte diese Differenz erhalten bleiben können. Das persönliche Modell darf nicht anfangen, seine eigene frühere Version gegen die Person zu verteidigen.
Vielleicht ist genau das für mich der praktische Kern von Selbstbestimmung in so einem System. Nicht, dass der Nutzer jede unangenehme Information löschen kann und am Ende nur noch eine angenehme Selbsterzählung übrig bleibt. Aber dass er nachvollziehen kann, wie eine Aussage entstanden ist, ihr widersprechen kann und nicht von einem unsichtbaren Modell darüber überstimmt wird, wer er angeblich ist.
INNENSCHAU soll mir deshalb im besten Fall nicht sagen: „Das bist du.“
Es soll eher zeigen: Das wurde beobachtet. Das hast du selbst beschrieben. Das wurde früher über dich geschrieben. Hier gibt es einen möglichen Zusammenhang. Hier widersprechen sich zwei Quellen. Diese Deutung passt vielleicht. Diese andere eher nicht. Und an dieser Stelle wissen wir es gerade schlicht nicht.
Mit so einem System kann ich arbeiten. Mit einem weiteren Orakel brauche ich nicht anzufangen.
Ein gutes System darf dir widersprechen, ohne dich zu definieren
Für mich bedeutet Selbstbestimmung dabei nicht, dass INNENSCHAU dem Nutzer einfach immer recht gibt. Das wäre nur die andere Seite desselben Problems. Wenn ich ein System baue, das jede Selbsteinschätzung bestätigt, nur weil sie von der betroffenen Person selbst kommt, habe ich am Ende ebenfalls keine vernünftige Untersuchung. Menschen können sich irren, Erinnerungen können sich verändern, man kann eigene Verhaltensweisen beschönigen oder Zusammenhänge übersehen. Ich kenne das von mir selbst genauso.
Deshalb soll INNENSCHAU durchaus widersprechen können. Wenn meine Erinnerung nicht zu einem alten Dokument passt, möchte ich darauf hingewiesen werden. Wenn ich eine Erklärung für etwas habe und mehrere Informationen dagegen sprechen, soll das sichtbar werden. Wenn ich mir aus fünf Ereignissen ein Muster gebaut habe, das bei genauerem Hinsehen nur auf drei davon passt, möchte ich auch das wissen. Der Unterschied besteht darin, dass aus diesem Widerspruch kein Urteil über mich werden soll.
Das System müsste dann sagen können, dass eine bestimmte Erklärung momentan nicht gut durch die vorhandenen Informationen getragen wird. Es sollte aber nicht daraus machen, dass ich deshalb grundsätzlich unzuverlässig bin oder meine Wahrnehmung nichts wert ist. Genauso wenig sollte eine alte Akte automatisch gewinnen, nur weil sie von einer Fachperson geschrieben wurde. Beide Informationen gehören in die Untersuchung, mit ihrer jeweiligen Herkunft und ihren jeweiligen Grenzen.
Genau darin sehe ich auch einen wichtigen Unterschied zwischen Unterstützung und Deutungshoheit. Unterstützung erweitert meine Möglichkeiten, etwas zu verstehen. Deutungshoheit nimmt mir die Entscheidung darüber ab, welche Bedeutung ich dem Ergebnis gebe. Ich möchte mit INNENSCHAU möglichst viel von Ersterem und möglichst wenig von Letzterem bauen.
Das betrifft auch die Frage, was nach einer Auswertung überhaupt passieren soll. Ich möchte nicht, dass jemand einen zwanzigseitigen Bericht bekommt, am Ende ein neues Etikett für sich hat und anschließend genauso ratlos dasteht wie vorher. Interessanter wäre, wenn aus einer Untersuchung konkrete nächste Fragen entstehen. Vielleicht zeigt sich, dass bestimmte Situationen immer wieder mit Überforderung zusammenfallen. Vielleicht gibt es eine alte Diagnose, die man fachlich noch einmal prüfen lassen möchte. Vielleicht widersprechen sich zwei Erinnerungen oder Dokumente. Vielleicht erkennt jemand ein Beziehungsmuster, möchte es aber erst einmal mit einer realen Person besprechen, bevor daraus irgendwelche Konsequenzen entstehen.
Dann wäre das Ergebnis keine endgültige Beschreibung des Menschen, sondern eine bessere Ausgangslage für die nächste Entscheidung. Man kann etwas weiter beobachten, eine Quelle suchen, mit einem Arzt sprechen, eine therapeutische Frage vorbereiten, eine Grenze verändern oder auch einfach sagen, dass eine bestimmte Deutung für einen selbst nichts hergibt. Nicht jedes Ergebnis muss eine Handlung produzieren.
Gerade deshalb ist mir auch der Human Companion Layer wichtig. Es gibt Bereiche, in denen ein digitales System Dinge sehr gut vorbereiten kann und trotzdem nicht der richtige Ort für die eigentliche Begleitung ist. Eine KI kann Informationen strukturieren, Fragen sammeln und einen Verlauf sichtbar machen. Sie kann aber keinen realen Therapeuten, Arzt, Coach oder anderen Menschen ersetzen, wenn Beziehung, Verantwortung, fachliche Einordnung oder individuelle Begleitung notwendig werden. Dann sollte INNENSCHAU eher eine Brücke sein als der Versuch, noch eine digitale Autorität dazwischenzustellen.
Das passt für mich auch zu der Art, wie ich selbst inzwischen arbeite. Ich nutze KI extrem intensiv und lasse mir gleichzeitig regelmäßig widersprechen. Ich ziehe Dokumente hinzu, korrigiere meine eigene Erinnerung, ändere Entscheidungen und verwerfe Dinge, von denen ich vorher überzeugt war. Genau deshalb funktioniert das Werkzeug für mich. Ich muss ihm nicht glauben. Ich kann mit ihm arbeiten.
Wenn INNENSCHAU irgendwann gut funktioniert, sollte ein Nutzer diese Freiheit ebenfalls behalten. Er sollte sehen können, warum etwas angezeigt wird, welche Informationen dahinterstehen und wo die Grenzen der Aussage liegen. Er sollte korrigieren können, wenn Fakten falsch sind, und widersprechen können, wenn eine Interpretation nicht passt. Gleichzeitig sollte das System einen Widerspruch nicht einfach löschen, nur damit die persönliche Geschichte wieder angenehmer aussieht.
Ich möchte am Ende kein digitales Profil bauen, das einen Menschen immer genauer festschreibt. Eher eine Arbeitsfläche, auf der sich ein Mensch über längere Zeit selbst untersuchen kann und auf der sichtbar bleibt, dass Erkenntnis sich verändern darf.
Nach allem, was ich mit fremden Einordnungen erlebt habe, wäre für mich genau das ein Fortschritt. Nicht endlich die eine Instanz zu bauen, die mich richtig versteht, sondern ein System zu bauen, das gar nicht erst behaupten muss, die letzte Instanz über mich zu sein.
Was INNENSCHAU im besten Fall leisten soll
Wenn ich versuche, den Anspruch von INNENSCHAU möglichst einfach zu formulieren, dann geht es mir inzwischen weniger darum, immer mehr über einen Menschen herauszufinden. Mir geht es darum, vorhandene Informationen so aufzubereiten, dass der Mensch selbst besser damit arbeiten kann. Das klingt zunächst ähnlich, führt aber zu einer anderen Architektur. Ein System, das Menschen analysieren will, optimiert irgendwann darauf, möglichst eindeutige Ergebnisse zu produzieren. Ein System zur Selbstuntersuchung muss dagegen auch mit Widersprüchen, Lücken und Veränderungen umgehen können.
Ich möchte deshalb auch nicht, dass ein Profil irgendwann als fertige Beschreibung stehen bleibt. Menschen verändern sich. Lebensbedingungen verändern sich. Eine Einschätzung, die mit zwanzig sinnvoll war, kann mit dreißig anders aussehen. Manche Dinge bleiben stabil, andere waren vielleicht nur Reaktionen auf eine bestimmte Umgebung. Wenn INNENSCHAU langfristig Daten sammelt, sollte daraus deshalb nicht einfach ein immer dickeres Dossier entstehen. Interessanter wäre, Veränderungen sichtbar zu machen: Was war früher relevant, was ist heute anders, welche Muster wiederholen sich und welche sind verschwunden?
Dabei spielt für mich auch die Frage eine Rolle, wem diese Informationen eigentlich gehören. Wenn ich persönliche Erinnerungen, Gesundheitsinformationen, Beziehungserfahrungen oder andere sensible Dinge in ein System gebe, soll daraus nicht irgendwann ein Modell entstehen, das mehr Macht über diese Daten hat als ich selbst. Ich möchte verstehen können, was gespeichert wurde, wofür es verwendet wird und was daraus abgeleitet wurde. Wenn etwas geteilt wird, soll das eine konkrete Entscheidung sein und nicht eine pauschale Zustimmung, die irgendwann alles erlaubt.
Genau deshalb trennen wir in INNENSCHAU auch verschiedene Arten von Daten und Verwendungen voneinander. Nur weil eine Information für eine persönliche Reflexion vorhanden ist, heißt das nicht automatisch, dass sie für Forschung, Werbung, Abrechnung oder irgendeinen anderen Zweck verwendet werden darf. Für mich ist das keine juristische Nebensache, sondern Teil derselben Grundfrage. Wenn ein System behauptet, Menschen bei Selbstbestimmung zu unterstützen, sollte es nicht gleichzeitig die Kontrolle über ihre Informationen möglichst weit an sich ziehen.
Dasselbe gilt für die Art, wie Ergebnisse präsentiert werden. Ich möchte keine künstliche Punktzahl, die am Ende behauptet, ein Mensch sei zu 74 Prozent dies oder zu 82 Prozent das, nur weil solche Zahlen objektiver aussehen. Wenn eine Berechnung tatsächlich sinnvoll quantifizierbar ist, kann sie natürlich eine Zahl ergeben. Aber Unsicherheit sollte nicht durch Dezimalstellen versteckt werden. Eine präzise Zahl ist nicht automatisch eine präzise Aussage.
Ich würde auch lieber an manchen Stellen eine offene Frage stehen lassen, als eine Antwort zu erzeugen, nur damit die Oberfläche vollständig aussieht. Das fällt mir selbst nicht immer leicht, weil mein eigener Kopf ständig Zusammenhänge herstellen will. Genau deshalb braucht das System Regeln dagegen. Nur weil sich zwei Dinge gut miteinander verbinden lassen, heißt das nicht, dass diese Verbindung belastbar ist.
Langfristig stelle ich mir INNENSCHAU deshalb eher als eine Art persönliche Untersuchungsumgebung vor. Dort können Dokumente, eigene Beobachtungen, historische Informationen, wissenschaftliche Quellen, Messwerte und auch symbolische Perspektiven zusammenkommen. Das System hilft dabei, sie zu ordnen und Beziehungen zwischen ihnen zu untersuchen. Aber es muss jederzeit erkennbar bleiben, welche Art von Beziehung das eigentlich ist. Eine zeitliche Überschneidung ist noch keine Ursache. Eine Ähnlichkeit ist noch kein Beweis. Eine starke subjektive Resonanz ist noch keine wissenschaftliche Evidenz. Umgekehrt ist etwas auch nicht automatisch wertlos, nur weil es zunächst subjektiv oder symbolisch ist.
Dieser Zwischenraum interessiert mich wahrscheinlich am meisten. Ich habe wenig Interesse an einem System, das nur Dinge zulässt, die bereits vollständig geklärt sind. Dann könnte ich einfach eine Datenbank mit Lehrbuchwissen bauen. Ich möchte ungewöhnliche Fragen untersuchen können, auch spirituelle, astrologische oder andere Hypothesen, solange das System nicht irgendwann vergisst, dass es Hypothesen sind. Ergebnisoffen bedeutet für mich weder alles glauben noch alles ablehnen. Es bedeutet, unterschiedliche Behauptungen unterschiedlich streng zu behandeln.
Das betrifft am Ende auch mich selbst. INNENSCHAU entsteht aus meiner Geschichte, aber es sollte nicht zu einem System werden, das meine Geschichte zur Vorlage für alle anderen macht. Nur weil mir bestimmte Dinge geholfen haben oder bestimmte Zusammenhänge bei mir plausibel sind, bedeutet das nicht, dass ein anderer Mensch dieselben Antworten braucht. Wenn das Produkt irgendwann gut wird, sollte es gerade darin besser sein als viele der Systeme, die mich selbst genervt haben: Es sollte den Menschen vor sich ernst nehmen, ohne ihn sofort in die Geschichte seines Erfinders hineinzuziehen.
Deshalb möchte ich auch nicht, dass Nutzer nach einer Auswertung denken müssen, sie hätten jetzt endlich erfahren, wer sie wirklich sind. Mir wäre lieber, wenn sie genauer wissen, welche Fragen für sie interessant sind, welche Informationen belastbar sind, wo etwas widersprüchlich bleibt und welche nächsten Schritte sie selbst sinnvoll finden.
Wenn INNENSCHAU irgendwann genau das kann, wäre das für mich genug. Kein digitales Orakel, keine endgültige Persönlichkeitsakte und kein System, das einem Menschen seine eigene Geschichte erklärt. Eine Umgebung, in der man diese Geschichte selbst genauer untersuchen kann, ohne dafür erst die Deutungshoheit an das nächste System abgeben zu müssen.
Die letzte Entscheidung soll beim Menschen bleiben
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger interessiert mich die Vorstellung, dass INNENSCHAU irgendwann besonders beeindruckend darin wird, Menschen zu beschreiben. Mich interessiert viel mehr, ob das System ihnen hilft, bessere Entscheidungen über sich selbst zu treffen. Das klingt ähnlich, ist aber für mich ein grundlegender Unterschied. Eine gute Beschreibung kann interessant sein. Sie kann sogar sehr präzise wirken. Wenn sie aber am Ende nur eine neue Fremderzählung produziert, hat sich strukturell wenig verändert.
Ich möchte deshalb, dass ein Nutzer jederzeit die Möglichkeit behält, eine Interpretation stehenzulassen, ohne sie übernehmen zu müssen. Ein Ergebnis kann relevant sein, ohne sofort Teil der eigenen Identität zu werden. Man kann sagen: Das passt erstaunlich gut, ich beobachte das weiter. Man kann genauso sagen: Ich verstehe, wie das System darauf kommt, aber für mich ergibt diese Deutung keinen Sinn. Beides sollte möglich sein, ohne dass das System den zweiten Fall als Widerstand, Verdrängung oder mangelnde Einsicht interpretiert.
Gerade diese Mechanik kenne ich aus genug anderen Zusammenhängen. Wenn ein System seine eigene Deutung gegen jeden Widerspruch immunisiert, wird es irgendwann geschlossen. Wer zustimmt, bestätigt die Theorie. Wer widerspricht, bestätigt sie angeblich ebenfalls, weil der Widerspruch dann als Abwehr, Unbewusstheit oder fehlende Reife gelesen wird. Ab diesem Punkt kann die Theorie praktisch nicht mehr verlieren. Für mich ist das kein besonders starkes Erkenntnissystem, sondern ein ziemlich bequemes.
INNENSCHAU muss deshalb auch die Möglichkeit haben, mit einem Ergebnis einfach falschzuliegen. Das klingt banal, ist aber architektonisch ziemlich wichtig. Wenn die KI eine Verbindung herstellt und der Nutzer sagt, dass die zugrunde liegende Information falsch ist, muss das Folgen haben. Wenn eine Hypothese über längere Zeit keine Unterstützung bekommt, sollte sie an Gewicht verlieren können. Wenn neue Quellen eine alte Einordnung widerlegen, muss das System seine eigene Vergangenheit korrigieren können.
Damit unterscheidet sich für mich Korrekturfähigkeit von bloßer Personalisierung. Personalisierung bedeutet häufig nur, dass ein System immer genauer lernt, welche Antworten jemand wahrscheinlich hören möchte. Das interessiert mich nicht besonders. Ein persönliches System sollte aus meiner Sicht eher genauer darin werden, die Geschichte eines Menschen nachvollziehbar abzubilden, einschließlich der Stellen, an denen sie nicht sauber zusammenpasst.
Auch deshalb möchte ich keine Architektur, in der eine KI unbemerkt das persönliche Modell überschreibt. Wenn aus einer Beobachtung eine Schlussfolgerung entsteht, sollte erkennbar sein, dass dieser Schritt stattgefunden hat. Wenn daraus später eine weitere Schlussfolgerung entsteht, sollte die Herkunft weiterhin rekonstruierbar bleiben. Sonst passiert digital genau das, was mich an alten Akten stört: Irgendwann steht eine Aussage da, aber niemand weiß mehr genau, wer sie ursprünglich gemacht hat, worauf sie beruhte und wie sicher sie damals überhaupt war.
Für mich gehört dazu auch, dass Nutzer Informationen bewusst teilen können, ohne gleich ihr gesamtes Innenleben freizugeben. Vielleicht möchte jemand bestimmte Beobachtungen mit einer Therapeutin besprechen, einen Verlauf für einen Arzt exportieren oder einem Coach einen Teil der eigenen Daten zugänglich machen. Dann sollte möglichst klar sein, welcher Teil geteilt wird und wofür. Ein Mensch sollte nicht erst seine komplette persönliche Geschichte ausliefern müssen, nur damit eine andere Person ein konkretes Problem verstehen kann.
Genau dort sehe ich auch den Human Companion Layer. INNENSCHAU kann helfen, Informationen vorzubereiten, Fragen zu sortieren und Entwicklungen sichtbar zu machen. Die reale Fachperson bekommt dadurch im besten Fall bessere Ausgangsinformationen. Aber sie bekommt nicht automatisch einen digitalen Klon des Menschen und INNENSCHAU wird auch nicht zum Klon der Fachperson. Beide Seiten behalten ihre eigene Rolle.
Das ist mir wichtig, weil technische Systeme schnell dazu verleiten, alles zu integrieren, nur weil es technisch möglich ist. Wenn man schon Daten hat, kann man noch eine Auswertung bauen. Wenn man eine Auswertung hat, kann man noch Empfehlungen daraus machen. Wenn man Empfehlungen hat, kann man sie automatisieren. Irgendwann hat man ein System gebaut, das immer mehr Entscheidungen übernimmt, obwohl ursprünglich nur Unterstützung geplant war. Genau diese Entwicklung möchte ich bewusst begrenzen.
Ich halte es nicht für Schwäche, wenn INNENSCHAU an bestimmten Stellen sagt, dass ein Mensch selbst entscheiden muss oder dass eine reale Fachperson gebraucht wird. Das ist für mich eher ein Zeichen dafür, dass das System seinen eigenen Scope kennt. Ein Produkt muss nicht jede denkbare Funktion übernehmen, um nützlich zu sein.
Vielleicht ist das am Ende auch die konsequenteste Antwort auf meine eigene Geschichte. Ich habe lange genug erlebt, wie andere Menschen, Institutionen und Systeme versucht haben, aus einzelnen Informationen eine fertige Version von mir zu bauen. Ich möchte jetzt kein technisch besseres System entwickeln, das dasselbe nur mit mehr Daten und schönerer Oberfläche macht.
INNENSCHAU soll deshalb möglichst viel sichtbar machen können, ohne den Menschen darunter verschwinden zu lassen. Es darf Muster finden, Fragen stellen, widersprechen, Unsicherheit markieren und Zusammenhänge vorschlagen. Aber die letzte Bedeutung davon sollte nicht heimlich im Modell entstehen.
Die gehört weiterhin dem Menschen, dessen Leben dort untersucht wird.
INNENSCHAU soll keine bessere Schublade bauen
Vielleicht ist das am Ende der Punkt, an dem sich für mich entscheidet, ob INNENSCHAU tatsächlich etwas anders macht oder nur dieselben alten Mechanismen mit neuer Technik wiederholt. Es wäre ziemlich einfach, aus all den Daten, Modulen und Auswertungen irgendwann ein System zu bauen, das Menschen immer genauer kategorisiert. Man könnte Profile erzeugen, Wahrscheinlichkeiten berechnen, Persönlichkeitsmodelle kombinieren und daraus sehr überzeugende Gesamtbeschreibungen machen. Technisch wäre das teilweise sogar reizvoll. Inhaltlich wäre es für mich aber genau die Richtung, aus der ich eigentlich herauswill.
Ich habe zu oft erlebt, wie aus einer Einordnung irgendwann eine Identität gemacht wurde. Ein Verhalten wird beobachtet, bekommt einen Begriff, der Begriff taucht später wieder auf und irgendwann wird nicht mehr gefragt, unter welchen Bedingungen das Verhalten überhaupt entstanden ist. Dann wird aus „Das war damals so“ langsam „So bist du“. Je mehr Institutionen oder Menschen dieselbe Beschreibung übernehmen, desto schwieriger wird es, überhaupt noch zu sehen, wie vorläufig die ursprüngliche Aussage einmal war.
INNENSCHAU soll deshalb nicht die bessere Schublade bauen. Es soll eher sichtbar machen, wann überhaupt eine Schublade benutzt wird. Wenn eine Diagnose relevant ist, soll sie ihren Platz haben. Wenn eine biografische Erfahrung einen Zusammenhang plausibel macht, soll auch das sichtbar sein. Wenn ein Muster über Jahre wiederkehrt, darf das System natürlich darauf hinweisen. Aber aus keiner dieser Ebenen sollte automatisch ein vollständiges Urteil über den Menschen entstehen.
Das ist für mich auch deshalb wichtig, weil Menschen widersprüchlich sein dürfen. Ich kann in einem Zusammenhang extrem belastbar und in einem anderen schnell überfordert sein. Ich kann Nähe suchen und gleichzeitig Rückzug brauchen. Ich kann in manchen Situationen sehr strukturiert arbeiten und an einfacher Bürokratie scheitern. Wenn ein Modell daraus unbedingt einen einzigen konsistenten Typ machen will, verliert es genau die Teile, die für das Verständnis interessant sein könnten.
Vielleicht muss ein persönliches System deshalb lernen, Widerspruch nicht als Fehler zu behandeln. Manche Widersprüche entstehen tatsächlich aus falschen Informationen und müssen korrigiert werden. Andere gehören einfach zum Menschen. Unterschiedliche Situationen aktivieren unterschiedliche Fähigkeiten, Belastungen und Verhaltensweisen. Ein System, das nur nach einem einheitlichen Persönlichkeitskern sucht, kann dadurch genauso viel übersehen wie eines, das gar keine Muster erkennt.
Mir geht es deshalb auch nicht um die Vorstellung einer vollkommen objektiven Selbstkenntnis. Die wird es wahrscheinlich nie geben. Ich sehe mich selbst aus einer bestimmten Perspektive, andere Menschen sehen mich aus ihrer, Fachpersonen arbeiten mit ihren Modellen und eine KI verarbeitet wiederum das Material, das sie bekommt. INNENSCHAU kann diese Perspektiven besser sortieren und vergleichbar machen. Es kann aber nicht außerhalb davon stehen und plötzlich die neutrale Wahrheit produzieren.
Gerade diese Begrenzung möchte ich offenlassen. Ich halte ein System für glaubwürdiger, wenn es sagen kann, was es nicht weiß. Wenn Daten fehlen, fehlen sie. Wenn eine Hypothese nicht ausreichend gestützt ist, bleibt sie vorläufig. Wenn zwei plausible Erklärungen nebeneinanderstehen, müssen sie nicht künstlich zu einer einzigen verschmolzen werden. Und wenn eine Frage mit den vorhandenen Mitteln gar nicht sinnvoll beantwortbar ist, ist auch das ein Ergebnis.
Das klingt wahrscheinlich weniger spektakulär als viele Versprechen, die rund um KI, Persönlichkeit oder Selbsterkenntnis gemacht werden. Man kann schlechter damit werben, dass ein System manchmal keine eindeutige Antwort liefert. Für mich ist genau das aber ein Teil der Qualität. Ich möchte lieber nachvollziehbar sagen können, wo die Grenzen einer Aussage liegen, als aus Unsicherheit künstliche Sicherheit zu machen.
Wenn jemand INNENSCHAU benutzt, möchte ich deshalb nicht, dass am Ende das Gefühl entsteht, ein Algorithmus habe ihn endlich vollständig durchschaut. Interessanter wäre für mich, wenn bestimmte Dinge klarer geworden sind, andere vielleicht erstmals als offene Fragen sichtbar werden und der Nutzer besser unterscheiden kann, welche Aussagen über ihn tatsächlich belastbar sind und welche nur mögliche Perspektiven darstellen.
Genau darin sehe ich inzwischen den Kern des Projekts. INNENSCHAU soll keine neue Deutungshoheit darüber schaffen, wer ein Mensch ist. Es soll die vorhandenen Deutungen, Erfahrungen, Daten und Widersprüche so zugänglich machen, dass der Mensch selbst mehr Möglichkeiten bekommt, sich damit auseinanderzusetzen.
Wenn das gelingt, braucht das System am Ende auch keinen Anspruch darauf, jemanden vollständig zu kennen. Es reicht, wenn es dabei hilft, genauer hinzusehen.
Warum ich ausgerechnet daraus ein System baue
Es gibt dabei natürlich einen Widerspruch, den ich selbst nicht übersehen will. Ich kritisiere seit Jahren Systeme, die Menschen einordnen, Daten über sie sammeln und daraus Erklärungen produzieren. Gleichzeitig baue ich mit INNENSCHAU ein ziemlich großes System, das genau mit persönlichen Informationen, Mustern, Zusammenhängen und Auswertungen arbeitet. Wenn ich diesen Widerspruch nicht ernst nehme, kann ich mir den ganzen Rest eigentlich sparen.
Für mich liegt der Unterschied deshalb nicht darin, dass unser System angeblich die besseren Kategorien hätte. Auch INNENSCHAU kann falschliegen. Auch unsere Modelle können schlecht gebaut sein, eine Quelle kann fehlerhaft sein und eine von uns entwickelte Auswertungslogik kann sich irgendwann als unbrauchbar herausstellen. Dass ich das Projekt selbst entwickle und meine eigenen Erfahrungen darin stecken, macht diese Gefahr nicht kleiner. Im Gegenteil. Gerade dann muss ich aufpassen, dass ich meine persönliche Sicht nicht unbemerkt zum allgemeinen Maßstab mache.
Deshalb ist für mich wichtig, dass die Architektur nicht nur gute Absichten voraussetzt. Ich möchte nicht darauf vertrauen müssen, dass wir später immer vernünftig genug sein werden, mit der vorhandenen Macht ordentlich umzugehen. Wenn bestimmte Grenzen wichtig sind, sollten sie möglichst im System selbst verankert sein. Eine symbolische Auswertung sollte technisch nicht einfach zur klinischen Aussage werden können. Eine KI-Ableitung sollte ihre Herkunft nicht verlieren. Eine persönliche Korrektur sollte nicht deshalb ignoriert werden können, weil das bisherige Modell etwas anderes behauptet. Und sensible Daten sollten nicht plötzlich für einen anderen Zweck verwendet werden, nur weil das irgendwann wirtschaftlich interessant wäre.
Das ist auch der Grund, warum aus einem zunächst viel kleineren Projekt inzwischen so viele Ebenen entstanden sind. Provenienz, Gegenbelege, Unsicherheit, unterschiedliche Datenklassen, Einwilligungen, Human Gates und Korrekturwege wirken von außen vielleicht wie unnötige Komplexität. Für mich sind sie aber genau das, was verhindert, dass aus einer interessanten Idee irgendwann die nächste Maschine zur Deutung von Menschen wird.
Ich möchte dabei trotzdem kein System bauen, das aus Angst vor Fehlern nichts mehr wagt. INNENSCHAU darf ungewöhnliche Fragen stellen. Es darf verschiedene Perspektiven miteinander vergleichen und auch Hypothesen untersuchen, die außerhalb klassischer wissenschaftlicher Modelle liegen. Sonst würde ein großer Teil dessen verloren gehen, was mich an dem Projekt überhaupt interessiert. Aber eine ungewöhnliche Frage braucht nicht weniger saubere Regeln, sondern eher mehr. Je weiter man sich von gut untersuchten Bereichen entfernt, desto wichtiger wird für mich, klar zu markieren, was Beobachtung, Hypothese, persönliche Erfahrung oder symbolische Interpretation ist.
Dasselbe gilt für sehr persönliche Themen. Ein Mensch darf über seine Beziehungen, seine Kindheit, seine Wahrnehmung oder seine eigenen Erklärungsmodelle nachdenken, ohne dass das System daraus sofort eine Diagnose herstellen muss. Manchmal ist schon viel gewonnen, wenn Material überhaupt sortiert werden kann. Vielleicht merkt jemand dadurch, dass bestimmte Ereignisse zeitlich zusammenhängen. Vielleicht erkennt er, dass eine Geschichte, die er sich seit Jahren erzählt, an einer Stelle nicht zu den Dokumenten passt. Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass eine alte Fremdeinschätzung viel weniger belastbar war, als sie bisher gewirkt hat.
Diese Möglichkeiten sind für mich der Grund, warum ich INNENSCHAU trotz meiner Skepsis gegenüber solchen Systemen bauen möchte. Ich habe selbst erlebt, wie hilfreich es sein kann, große Mengen ungeordneter Informationen endlich gemeinsam betrachten zu können. Ohne KI und die Strukturen, die wir inzwischen gebaut haben, hätte ich viele Teile meiner eigenen Geschichte wahrscheinlich weiterhin nur als einzelne Fragmente im Kopf. Die Technik hat mir dabei nicht gesagt, wer ich bin. Sie hat mir geholfen, Dinge nebeneinanderzulegen, die vorher kaum gleichzeitig greifbar waren.
Genau diese Funktion möchte ich erhalten, auch wenn das Produkt später wesentlich leistungsfähiger wird. Mehr Leistung darf nicht automatisch mehr Autorität bedeuten. Wenn INNENSCHAU irgendwann tausend Zusammenhänge erkennen kann, bleibt jeder einzelne davon trotzdem prüfbar. Wenn das System eine sehr präzise Synthese erzeugt, muss trotzdem sichtbar bleiben, woraus sie entstanden ist. Und wenn der Nutzer am Ende sagt, dass eine Deutung für ihn nicht passt, darf das nicht heimlich als weiteres Persönlichkeitsmerkmal gegen ihn verwendet werden.
Ich glaube, dass darin auch mein eigentliches Gegenmodell zu den Erfahrungen der letzten dreißig Jahre liegt. Ich kann nicht verhindern, dass Menschen andere Menschen interpretieren. Wir tun das ständig. Ärzte tun es, Eltern tun es, Partner tun es, Freunde tun es und ich tue es genauso. Das Problem beginnt für mich dort, wo eine Interpretation ihre eigene Entstehung vergisst und sich anschließend als Wahrheit über den anderen ausgibt.
INNENSCHAU soll diese Entstehung möglichst sichtbar halten. Wer hat etwas gesagt? Wann? In welchem Kontext? Was wurde daraus abgeleitet? Was spricht dafür, was dagegen und was hat sich später verändert? Wenn diese Fragen im System erhalten bleiben, muss ich nicht so tun, als hätte ich endlich die perfekte Methode gefunden, Menschen richtig zu erklären.
Dann kann INNENSCHAU genau das sein, was ich selbst gebraucht hätte: kein weiteres Urteil über mich, sondern ein Werkzeug, mit dem ich Urteile, Beobachtungen, Erinnerungen und eigene Deutungen endlich gemeinsam untersuchen kann, ohne einer davon automatisch die letzte Deutungshoheit geben zu müssen.
Ein gutes System sollte dich nicht immer abhängiger von ihm machen
Zu der ganzen Frage gehört für mich noch etwas, das bei digitalen Produkten schnell untergeht: Was passiert eigentlich, wenn ein System gut funktioniert? Die naheliegende wirtschaftliche Antwort wäre, dass der Nutzer es möglichst oft öffnet, möglichst lange benutzt und irgendwann so viele Funktionen darin braucht, dass ein Wechsel unbequem wird. Aus Produktsicht kann man dafür sehr viele Kennzahlen bauen. Für INNENSCHAU wäre mir dieser Maßstab allein zu wenig.
Wenn jemand das System nutzt und dadurch mit der Zeit besser versteht, welche Situationen ihn überfordern, welche Muster sich tatsächlich wiederholen, welche alten Einordnungen noch passen und welche nicht, dann sollte daraus auch mehr eigene Orientierung entstehen. Ich möchte nicht, dass jede neue Unsicherheit sofort wieder eine neue Auswertung braucht. Ein Teil des Nutzens müsste darin bestehen, dass Menschen irgendwann selbst besser unterscheiden können, wann sie gerade eine Beobachtung machen, wann sie interpretieren und wann ihnen für eine Aussage eigentlich noch Informationen fehlen.
Das widerspricht natürlich einem Geschäftsmodell, das hauptsächlich davon lebt, Menschen dauerhaft an eine Plattform zu binden. Gerade deshalb ist mir wichtig, diese Frage früh zu stellen. Wir werden Geld verdienen müssen. Infrastruktur kostet, Entwicklung kostet, Begleitung kostet und gute Arbeit darf auch bezahlt werden. Daraus folgt für mich aber nicht, dass wir künstlich Abhängigkeit erzeugen müssen. Ich möchte lieber für eine konkrete Leistung, ein sinnvolles Werkzeug oder tatsächliche Begleitung bezahlt werden als dafür, dass jemand ohne unser System irgendwann das Gefühl bekommt, sich selbst nicht mehr verstehen zu können.
Das betrifft auch die Sprache der Anwendung. Wenn eine KI ständig so formuliert, als würde sie etwas Entscheidendes über dich erkennen, kann sehr schnell eine besondere Autorität entstehen. Das muss nicht einmal absichtlich manipulativ gebaut sein. Menschen reagieren auf Sprache, und ein System, das permanent sehr persönlich, sehr sicher und sehr verstehend klingt, kann eine Beziehung simulieren, die stärker wirkt, als die technische Grundlage rechtfertigt. Gerade bei einem Produkt wie INNENSCHAU möchte ich deshalb nicht, dass emotionale Bindung an die KI zum eigentlichen Produktwert wird.
Die Anwendung darf angenehm sein und sie darf sich persönlich anfühlen. Ich will keine sterile Datenbank bauen, in die man nur Symptome einträgt und anschließend Tabellen bekommt. Aber die Persönlichkeit des Systems sollte nicht darüber hinwegtäuschen, was es ist. Wenn INNENSCHAU etwas nicht weiß, soll es nicht durch besonders empathische Sprache so tun, als würde es den Menschen trotzdem vollständig verstehen. Wenn eine reale Beziehung gebraucht wird, sollte das System nicht versuchen, diese durch noch mehr digitale Nähe zu ersetzen.
Auch deshalb finde ich die Verbindung zu realen Fachpersonen wichtig. Ein gutes digitales Werkzeug kann dafür sorgen, dass ein Gespräch mit einer Therapeutin, einem Arzt oder einem Coach besser vorbereitet ist. Es kann helfen, drei Monate Beobachtungen nicht in fünf Minuten aus dem Gedächtnis zusammenquetschen zu müssen. Es kann relevante Fragen sichtbar machen und vielleicht auch verhindern, dass ein wichtiger Punkt wieder vergessen wird. Dann erweitert die Technik die reale Beziehung, statt mit ihr um Aufmerksamkeit zu konkurrieren.
Dasselbe gilt außerhalb professioneller Begleitung. Vielleicht hilft eine Auswertung dabei, ein Gespräch mit einem Partner anders zu führen. Vielleicht erkennt jemand, dass er bei einem bestimmten Thema immer wieder in dieselbe Erklärung springt. Vielleicht stellt man fest, dass eine vermeintlich klare Erinnerung durch alte Dokumente komplizierter wird. Solche Ergebnisse gehören danach wieder ins Leben. INNENSCHAU sollte nicht der Ort werden, an dem alles nur noch analysiert wird, während draußen nichts mehr passiert.
Ich kenne diese Gefahr auch von mir selbst. Wenn mich etwas interessiert, kann ich sehr tief darin verschwinden. Man kann theoretisch jeden Gedanken noch einmal untersuchen, jede Verbindung weiterverfolgen und aus jeder Beobachtung die nächste Frage erzeugen. Das ist für Forschung großartig und für ein normales Leben irgendwann möglicherweise ziemlich unpraktisch. Deshalb braucht auch Selbstuntersuchung Grenzen. Nicht alles muss bis zum letzten möglichen Zusammenhang zerlegt werden.
Ein System, das Menschen bei Selbsterkenntnis unterstützen will, sollte deshalb meiner Meinung nach auch akzeptieren können, dass irgendwann für den Moment genug untersucht wurde. Vielleicht lautet das Ergebnis dann einfach, dass eine Frage offen bleibt. Vielleicht gibt es einen nächsten Schritt außerhalb der Anwendung. Vielleicht braucht jemand gerade überhaupt keine weitere Analyse, sondern Schlaf, Abstand, ein Gespräch oder einen ganz normalen Tag, an dem die eigene Biografie keine Rolle spielt.
Wenn INNENSCHAU langfristig gut wird, möchte ich daran nicht nur messen, wie viel das System über einen Menschen verarbeiten kann. Mich interessiert genauso, ob es ihm hilft, mit weniger Fremdsteuerung durch solche Systeme auszukommen. Ein Werkzeug für Selbstbestimmung sollte die eigene Handlungsfähigkeit vergrößern und nicht stillschweigend die nächste Abhängigkeit erzeugen.
Das wäre für mich wahrscheinlich die konsequenteste Form davon, Menschen keine neue Deutungshoheit überzustülpen: ihnen nicht nur zu zeigen, dass sie einer Interpretation widersprechen dürfen, sondern ein Produkt zu bauen, das auch damit leben kann, wenn sie es irgendwann schließen und die nächste Entscheidung selbst treffen.
Was ich am Ende von INNENSCHAU erwarte
Wenn ich all diese Anforderungen zusammennehme, wird auch verständlicher, warum INNENSCHAU inzwischen so viel größer geworden ist, als ich am Anfang wahrscheinlich selbst gedacht habe. Es reicht eben nicht, ein paar Module zu bauen, Daten zusammenzuwerfen und eine KI einen schönen Bericht daraus schreiben zu lassen. Technisch wäre das wesentlich einfacher. Es wäre nur nicht das System, das ich haben möchte.
Der eigentliche Aufwand entsteht dort, wo verhindert werden soll, dass aus Möglichkeiten automatisch Autorität wird. Eine Information braucht Herkunft. Eine Ableitung muss als Ableitung erkennbar bleiben. Eine Hypothese braucht Gegenargumente. Verschiedene Perspektiven müssen nebeneinander existieren können. Persönliche Daten brauchen klare Zwecke und Grenzen. Bei bestimmten Themen muss ein Mensch übernehmen. Und das System selbst muss damit leben können, dass jemand einer seiner Auswertungen widerspricht oder sie später vollständig verwirft.
Das wirkt manchmal absurd kompliziert, wenn ich an einem einzelnen Feature sitze. Man könnte vieles deutlich schneller bauen, wenn man all diese Fragen einfach ignoriert. Gerade während der Entwicklung merke ich regelmäßig, wie verlockend das ist. Eine Funktion wäre technisch in kurzer Zeit möglich, aber sobald man fragt, was sie mit den Daten macht, welche Aussagen daraus entstehen dürfen und was passiert, wenn sie falschliegt, hängt plötzlich eine ganze Architektur daran.
Ich glaube inzwischen, dass genau dort die eigentliche Arbeit steckt. Nicht darin, möglichst viel KI in ein Produkt zu packen, sondern herauszufinden, an welchen Stellen sie helfen soll und an welchen Stellen sie bewusst nicht entscheiden darf. Nicht darin, möglichst viele Daten zu sammeln, sondern zu wissen, warum eine Information überhaupt gebraucht wird. Nicht darin, einen Menschen möglichst vollständig abzubilden, sondern genug Kontext zu erhalten, um etwas sinnvoll untersuchen zu können, ohne daraus gleich ein endgültiges Modell seiner Person zu machen.
Das hat auch meine Vorstellung davon verändert, was ein gutes Ergebnis überhaupt ist. Früher hätte ich wahrscheinlich stärker an einen möglichst umfassenden Bericht gedacht. Heute kann ein gutes Ergebnis genauso darin bestehen, dass eine bisher sichere Annahme unsicherer geworden ist. Vielleicht findet man einen Widerspruch in einer alten Geschichte. Vielleicht wird klar, dass für eine Frage noch eine Quelle fehlt. Vielleicht zeigt sich, dass zwei verschiedene Erklärungen beide plausibel sind. Oder jemand erkennt, dass er ein Thema im Moment überhaupt nicht weiter untersuchen möchte.
Für mich ist das kein Scheitern der Analyse. Es ist wesentlich näher daran, wie Erkenntnis tatsächlich funktioniert. Manche Dinge werden klarer, andere komplizierter. Neue Informationen lösen Fragen und erzeugen gleichzeitig neue. Man korrigiert sich. Man stellt fest, dass eine Erinnerung falsch war oder dass ein altes Urteil viel zu grob gewesen ist. Genau das passiert bei meiner eigenen Rekonstruktion ständig.
Ich möchte deshalb auch nicht versprechen, dass INNENSCHAU Menschen irgendwann vollständig verstehen wird. Ich weiß nicht einmal, was das praktisch bedeuten sollte. Menschen verstehen sich selbst teilweise nach Jahrzehnten noch neu. Beziehungen verändern die Perspektive, Lebenssituationen tun es ebenfalls, und eine Information bekommt manchmal erst Jahre später eine andere Bedeutung. Ein statisches endgültiges Profil würde dieser Realität kaum gerecht werden.
Was ich mir dagegen sehr gut vorstellen kann, ist ein System, das dabei hilft, diese Veränderung nachvollziehbar zu halten. Man kann sehen, wie eine Einschätzung entstanden ist, was später hinzugekommen ist und warum sich eine Bewertung verändert hat. Vielleicht wird dadurch auch weniger notwendig, ständig eine endgültige Antwort zu produzieren. Man kann einen Zwischenstand haben, ohne ihn für die Wahrheit über den gesamten Menschen halten zu müssen.
Genau das hätte ich selbst oft gebraucht. Nicht jemanden, der mir noch eine weitere fertige Erklärung über mich gibt, sondern einen Ort, an dem ich verschiedene Erklärungen überhaupt erst nebeneinanderlegen kann. Einen Ort, an dem ein Arztbrief wichtig sein darf, ohne automatisch zu gewinnen. An dem meine Erinnerung zählt, ohne automatisch unfehlbar zu sein. An dem eine Diagnose hilfreich sein kann, ohne mein gesamtes Verhalten zu erklären. An dem eine symbolische Deutung interessant sein darf, ohne als Wissenschaft verkleidet zu werden. Und an dem eine KI sehr viel Arbeit übernehmen kann, ohne daraus einen Anspruch auf Wahrheit abzuleiten.
Vielleicht erklärt das am besten, warum ich INNENSCHAU trotz all meiner Kritik an Deutungssystemen überhaupt baue. Ich glaube nicht, dass Menschen weniger über sich nachdenken sollten. Ich glaube auch nicht, dass Kategorien, Diagnosen, Modelle oder technische Werkzeuge grundsätzlich das Problem sind. Das Problem beginnt für mich dort, wo vergessen wird, dass es Werkzeuge sind.
INNENSCHAU soll deshalb möglichst viele gute Werkzeuge an einem Ort zusammenbringen und gleichzeitig sichtbar halten, welches Werkzeug gerade benutzt wird, was es leisten kann und wo seine Grenzen liegen. Wenn daraus irgendwann ein System entsteht, das Menschen hilft, sich selbst genauer zu untersuchen, ohne sie dabei immer enger festzuschreiben, dann wäre das ziemlich genau das Gegenteil von dem, was mich überhaupt dazu gebracht hat, damit anzufangen.
Ich brauche keine weitere Instanz, die mir erklärt, wer ich bin. Ich hätte nur gerne bessere Möglichkeiten gehabt, selbst herauszufinden, was an all den Geschichten über mich eigentlich dran ist.
Genau diese Möglichkeit möchte ich bauen.