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Eine Diagnose kann helfen, ohne dich vollständig zu erklären

Diagnosen haben bei mir tatsächlich Dinge verständlicher gemacht. ADHS und später Autismus haben rückblickend Zusammenhänge sichtbar gemacht, die vorher meistens nur als einzelne Probleme oder persönliche Fehler behandelt wurden. Bestimmte Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Reizverarbeitung, sozialen Situationen oder Arbeitsbedingungen standen dadurch plötzlich nicht mehr vollkommen unverbunden nebeneinander. Das kann entlasten, weil man nicht jedes Problem wieder von vorne moralisch bewerten muss.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie schnell man selbst in die nächste Falle geraten kann. Sobald eine Diagnose vorhanden ist, gibt es plötzlich eine sehr bequeme Erklärung für fast alles. Ich habe ADHS, also kann ich nichts dafür. Ich bin autistisch, also ist das eben so. Gerade wenn man vorher jahrelang erlebt hat, dass einem Schwierigkeiten als Faulheit, Unzuverlässigkeit oder persönliches Versagen ausgelegt wurden, ist dieser Gegenpol verständlich. Zum ersten Mal gibt es eine Erklärung, die nicht einfach lautet, dass man sich mehr anstrengen müsste.

Für mich wird es problematisch, wenn aus einer Erklärung eine Entschuldigung für jedes Verhalten wird. Eine Diagnose kann erklären, warum mir etwas schwerer fällt, warum ich in bestimmten Situationen schneller überfordert bin oder warum bestimmte Reaktionen wahrscheinlicher werden. Sie hebt aber nicht automatisch die Verantwortung dafür auf, wie ich mit anderen Menschen umgehe. Nicht jedes beschissene Verhalten, das ich irgendwann gezeigt habe, war ADHS, Autismus oder Trauma. Manchmal habe ich mich einfach beschissen verhalten.

Diese Unterscheidung finde ich wichtig, gerade weil Diagnosen sonst sehr schnell immunisierend wirken können. Wenn jedes problematische Verhalten mit einer Diagnose erklärt wird, kann irgendwann kaum noch darüber gesprochen werden, was trotzdem veränderbar wäre. Verstehen soll für mich nicht bedeuten, Verantwortung abzuschaffen. Im besten Fall hilft mir die Erklärung eher dabei, Verantwortung sinnvoller zu übernehmen. Wenn ich weiß, dass mir Zeitmanagement schwerfällt, kann ich Strukturen darum bauen. Wenn ich weiß, dass Überforderung meine Reaktionen verändert, kann ich früher versuchen, aus einer Situation herauszugehen. Die Diagnose sagt mir dabei etwas über die Bedingungen. Sie entscheidet nicht schon, was ich daraus mache.

Das Schwierige ist, dass man von außen oft genau das Gegenteil erlebt. Wenn man anderen Menschen offen sagt, dass man ADHS oder Autismus hat und erklärt, dass ein bestimmtes Problem damit zusammenhängen könnte, wird das schnell als Ausrede verstanden. Dann heißt es sinngemäß, jeder müsse sich eben zusammenreißen oder andere hätten dieses Problem schließlich auch. Man soll also einerseits Verantwortung übernehmen und erklären können, warum bestimmte Dinge schwierig sind, aber sobald man die Erklärung benutzt, gilt sie als Versuch, Verantwortung abzugeben.

Für mich steckt darin viel von dem, was beim sogenannten Double-Empathy-Problem beschrieben wird. Unterschiedliche Arten, Situationen wahrzunehmen und zu kommunizieren, führen nicht einfach nur dazu, dass eine Seite die andere schlecht versteht. Das Missverständnis kann in beide Richtungen entstehen. Trotzdem wird im Alltag häufig erwartet, dass vor allem der neurodivergente Mensch die Übersetzungsarbeit übernimmt. Er soll erklären, warum er etwas anders erlebt, gleichzeitig aber möglichst so reagieren, dass diese Andersartigkeit für niemanden unbequem wird.

Eine Diagnose kann an dieser Stelle trotzdem sehr praktisch sein. Sie kann Zugang zu Behandlung, Unterstützung, Nachteilsausgleichen oder anderen sozialrechtlichen Möglichkeiten eröffnen. Auch ein anerkannter Grad der Behinderung beziehungsweise ein Schwerbehindertenstatus kann Rechte und konkrete Unterstützung zugänglich machen, die ohne formale Anerkennung nicht vorhanden wären. Ich würde das allerdings nicht als Vorteil in dem Sinn beschreiben, dass man dadurch plötzlich besser gestellt wäre. Solche Regelungen existieren schließlich, weil bestimmte Lebensbedingungen reale Nachteile erzeugen und wenigstens ein Teil davon ausgeglichen werden soll.

Genau deshalb finde ich die Diskussion schwierig, wenn Diagnosen entweder als reine Befreiung oder als reine Stigmatisierung behandelt werden. Bei mir war beides möglich. Eine Diagnose kann eine Erklärung liefern, Zugang ermöglichen und Selbstverständnis verändern. Gleichzeitig kann sie in Akten weitergetragen werden, Erwartungen anderer beeinflussen und irgendwann so dominant werden, dass jedes Verhalten wieder durch dieselbe Linse gelesen wird.

Dann passiert von außen dasselbe, was man selbst ebenfalls machen kann. Man erklärt plötzlich zu viel damit. Der Unterschied ist nur, dass die Deutung jetzt nicht mehr lautet „Du bist faul“, sondern beispielsweise „Das ist halt sein ADHS“. Beides kann die konkrete Situation übergehen. Vielleicht liegt ein Problem tatsächlich an ADHS. Vielleicht liegt es an Schlafmangel, an schlechten Arbeitsbedingungen, an einer Beziehung, an Trauma, an einer aktuellen Krise oder daran, dass jemand schlicht eine schlechte Entscheidung getroffen hat. Mehrere dieser Dinge können gleichzeitig relevant sein.

Gerade diese Mehrdeutigkeit möchte ich in INNENSCHAU erhalten. Ich will kein System, das eine vorhandene Diagnose nimmt und anschließend jeden neuen Eintrag passend dazu sortiert. Wenn ADHS bekannt ist, darf das selbstverständlich Kontext liefern. Aber die Diagnose sollte nicht automatisch gewinnen, sobald eine andere Erklärung ebenfalls plausibel wäre. Dasselbe gilt für Autismus, Trauma und jede andere klinische oder psychologische Kategorie.

Für mich wäre beispielsweise wenig gewonnen, wenn INNENSCHAU irgendwann sehr zuverlässig erkennt: Dieses Verhalten passt zu ADHS. Interessanter wäre die nächste Ebene. Unter welchen Bedingungen tritt es auf? Gibt es Situationen, in denen es nicht auftritt? Was verändert Schlaf, Stress, Autonomie, Reizbelastung oder Interesse? Welche anderen Erklärungen gibt es? Und gibt es überhaupt genug Informationen, um aktuell mehr zu sagen?

Dadurch wird eine Diagnose nicht weniger ernst genommen. Im Gegenteil. Sie bekommt einen klareren Platz. Sie ist eine fachliche Information mit einer bestimmten Bedeutung und bestimmten Grenzen. Sie darf Dinge erklären, ohne alle anderen Erklärungen zu verdrängen.

Ich glaube, genau diese Balance ist für mich inzwischen wichtig. Ich möchte nicht zurück zu einer Zeit, in der reale neurodivergente Schwierigkeiten einfach als Charakterfehler behandelt wurden. Ich möchte aber genauso wenig in ein Modell wechseln, in dem jede Schwierigkeit automatisch der Diagnose gehört und deshalb nichts mehr mit meiner eigenen Verantwortung zu tun hat.

Eine Diagnose kann mir helfen zu verstehen, warum etwas schwer ist. Sie kann mir Rechte und Unterstützung zugänglich machen und vielleicht verhindern, dass ich mich für Dinge verurteile, die tatsächlich mit meiner neurologischen oder psychischen Situation zusammenhängen. Aber sie sollte mir nicht die Möglichkeit nehmen, mich weiterzuentwickeln, andere Erklärungen zu prüfen oder bei eigenem Fehlverhalten einfach zu sagen: Das war trotzdem meine Verantwortung.

Eine Diagnose ist ein Modell, kein vollständiges Abbild

Für mich wird eine Diagnose dann hilfreich, wenn sie eine Frage besser beantwortet, als ich es vorher konnte. Sie kann erklären, warum bestimmte Situationen regelmäßig schwierig werden, warum manche Strategien bei mir nicht funktionieren oder warum ich unter Bedingungen Probleme bekomme, die für andere kaum relevant sind. Sie kann dabei helfen, Unterstützung zu organisieren und sie kann verhindern, dass jedes Scheitern sofort moralisch bewertet wird. Genau darin liegt für mich ihr Wert.

Schwierig wird es dort, wo vergessen wird, dass auch eine Diagnose ein Modell ist. Sie beschreibt bestimmte Merkmale, Verläufe und Schwierigkeiten, die häufig gemeinsam auftreten. Sie ist nicht dafür gebaut, die vollständige Biografie eines Menschen zu erklären. Trotzdem passiert genau das sehr schnell. Sobald ein Begriff vorhanden ist, bekommt er eine enorme Anziehungskraft. Dinge, die vorher getrennt betrachtet wurden, werden plötzlich darunter einsortiert, weil die Diagnose eine einfache gemeinsame Erklärung anbietet.

Das kenne ich nicht nur von anderen, sondern genauso von mir selbst. Wenn man endlich eine Erklärung gefunden hat, die vieles rückblickend verständlich macht, möchte man sie natürlich auch benutzen. Dann entdeckt man überall weitere Beispiele. Das kann zunächst sehr hilfreich sein, weil Zusammenhänge sichtbar werden, die vorher tatsächlich übersehen wurden. Irgendwann muss man aber aufpassen, dass man nicht jedes neue Problem nur deshalb ebenfalls darunterlegt, weil der Begriff gerade verfügbar ist.

Bei ADHS ist das ziemlich einfach zu beobachten. Schwierigkeiten mit Zeitmanagement, Aufmerksamkeit, Impulsivität oder Aufgabenorganisation können sehr plausibel damit zusammenhängen. Wenn ich allerdings in einem Konflikt jemanden verletze, reicht mir die Erklärung „Impulsivität“ nicht als vollständige Analyse. Vielleicht hat die Impulsivität die Reaktion wahrscheinlicher gemacht. Trotzdem muss ich mich damit beschäftigen, was vorher passiert ist, welche Möglichkeiten ich hatte, was ich selbst getan habe und was ich beim nächsten Mal verändern kann.

Dasselbe gilt für Autismus. Reizüberlastung, Schwierigkeiten mit bestimmten sozialen Situationen oder ein anderes Bedürfnis nach Struktur können sehr relevant sein. Aber nicht jede Meinungsverschiedenheit ist deshalb ein Missverständnis zwischen neurotypischer und autistischer Kommunikation. Nicht jeder Konflikt entsteht aus Neurodivergenz. Manchmal haben zwei Menschen einfach unterschiedliche Interessen. Manchmal verhält sich einer unfair. Manchmal verhalten sich beide schlecht. Ein diagnostischer Begriff sollte diese Möglichkeiten nicht automatisch verschwinden lassen.

Trauma macht es noch komplizierter, weil Reaktionen sehr stark vom Kontext abhängen können und alte Erfahrungen tatsächlich in gegenwärtige Situationen hineinwirken können. Auch dort finde ich die Erklärung wichtig, aber nicht grenzenlos. Wenn ich jedes Verhalten mit Trauma erkläre, baue ich am Ende wieder ein geschlossenes System. Dann ist praktisch alles entweder Trauma oder eine Reaktion auf Trauma, und damit verliert die Erklärung irgendwann an Trennschärfe.

Genau deshalb möchte ich INNENSCHAU nicht nach dem Prinzip bauen, dass mehrere Diagnosen und Modelle am Ende zu einer möglichst umfassenden Gesamtidentität zusammengerechnet werden. Mich interessiert eher, unter welchen Bedingungen welches Modell gerade hilfreich ist. Vielleicht erklärt ADHS einen Teil einer Arbeitssituation. Vielleicht erklärt die Reizumgebung einen anderen. Vielleicht kommt Schlafmangel dazu. Vielleicht gibt es einen Konflikt mit dem Arbeitgeber, der mit keiner Diagnose besonders viel zu tun hat. Eine brauchbare Analyse sollte diese Ebenen auseinanderhalten können.

Dabei muss auch zeitliche Veränderung sichtbar bleiben. Ein Symptom oder Verhalten kann zu einem bestimmten Zeitpunkt stark ausgeprägt sein und Jahre später anders aussehen. Manche Strategien verändern etwas, Lebensumstände verändern etwas und auch ein Mensch selbst verändert sich. Wenn ein Zustand einmal diagnostisch beschrieben wurde, sollte daraus nicht automatisch folgen, dass jede spätere Version dieses Menschen genauso gelesen werden muss.

Für mich ist das besonders wichtig, weil Diagnosen in Akten eine andere Lebensdauer haben als viele der Situationen, in denen sie entstanden sind. Ein Begriff kann über Jahre mitwandern. Die damalige Krise, die damalige Beziehung, der damalige Schlafmangel oder die damaligen Lebensbedingungen wandern häufig nicht im selben Umfang mit. Dadurch kann die Diagnose irgendwann sehr präsent bleiben, während der Kontext immer unsichtbarer wird.

Ein gutes persönliches System müsste deshalb nicht nur speichern, welche Diagnose irgendwann gestellt wurde. Es müsste genauso wissen, wann sie gestellt wurde, auf welcher Grundlage, wie sicher die damalige Einordnung war, welche späteren Bestätigungen oder Widersprüche es gibt und welche Veränderungen seitdem stattgefunden haben. Erst dann wird aus dem Etikett wieder eine Information mit Geschichte.

Das bedeutet für mich auch, dass Selbstbeschreibung und klinische Diagnose nicht dasselbe sind. Jemand kann sich in vielen Merkmalen wiedererkennen, ohne deshalb diagnostiziert zu sein. Umgekehrt kann jemand eine Diagnose haben und sich trotzdem nicht in jedem typischen Merkmal wiederfinden. INNENSCHAU sollte solche Unterschiede nicht künstlich einebnen. Ein Hinweis auf mögliche ADHS-Muster ist etwas anderes als eine bestätigte Diagnose, und eine bestätigte Diagnose ist wiederum etwas anderes als die Behauptung, jedes aktuelle Verhalten sei dadurch erklärt.

Gerade bei Menschen, die nach Jahren endlich einen Begriff für ihre Erfahrungen finden, ist diese Unterscheidung wahrscheinlich besonders schwierig. Ich verstehe sehr gut, warum man sich an einer Diagnose festhalten kann. Sie kann etwas ordnen, wofür vorher nur Chaos oder Schuld da war. Vielleicht braucht es diese Phase sogar manchmal. Trotzdem würde ich langfristig gern wieder mehr Beweglichkeit hineinbringen. Die Diagnose darf etwas erklären, ohne zum neuen Gefängnis für die eigene Identität zu werden.

Für INNENSCHAU bedeutet das für mich: Diagnosen sollen Kontext liefern, nicht das Ergebnis vorwegnehmen. Sie dürfen Hypothesen beeinflussen, aber nicht bestimmen, welche Beobachtungen überhaupt noch gesehen werden. Und wenn mehrere Erklärungen möglich sind, sollte das System nicht aus Bequemlichkeit diejenige wählen, für die bereits ein diagnostischer Code existiert.

Ich will damit keine Diagnosen schwächen. Ich will ihren tatsächlichen Wert erhalten. Ein Modell ist besonders nützlich, wenn man weiß, wofür es geeignet ist und wo es aufhört.

Zwischen Erklärung, Verantwortung und Unterstützung

Für mich zeigt sich der tatsächliche Wert einer Diagnose weniger daran, wie gut sie einen Menschen beschreibt, sondern daran, was sich dadurch praktisch verändert. Wenn ich weiß, dass bestimmte Schwierigkeiten mit ADHS oder Autismus zusammenhängen können, habe ich zunächst eine bessere Ausgangslage. Ich kann Arbeitsbedingungen anders beurteilen, Strategien ausprobieren, bestimmte Überforderungen früher erkennen und vielleicht aufhören, jedes Problem als persönlichen Charakterfehler zu behandeln. Das bedeutet aber noch nicht, dass damit automatisch alles leichter wird.

Gerade im Kontakt mit anderen Menschen entsteht schnell ein merkwürdiger Widerspruch. Wenn ich eine Diagnose nicht erwähne und bestimmte Schwierigkeiten auftreten, werden diese Schwierigkeiten möglicherweise als Unzuverlässigkeit, Desinteresse, mangelnde Belastbarkeit oder schlechte Kommunikation interpretiert. Wenn ich die Diagnose offen benenne und erkläre, warum etwas für mich anders funktioniert, kann dieselbe Erklärung plötzlich als Ausrede verstanden werden. Man soll also erklären, was los ist, aber möglichst so, dass daraus für niemanden eine tatsächliche Anpassung notwendig wird.

Das kenne ich aus verschiedenen Bereichen meines Lebens. Es reicht nicht immer, offen zu sagen, dass bestimmte Arbeitsbedingungen mich stärker belasten oder dass ich für bestimmte organisatorische Dinge andere Strukturen brauche. Die Information kann verstanden werden und praktisch trotzdem folgenlos bleiben. Dann weiß das Gegenüber zwar, dass beispielsweise ADHS oder Autismus eine Rolle spielen, erwartet aber weiterhin exakt dieselbe Funktionsweise wie vorher. Die Diagnose existiert dann als Wissen über mich, verändert aber nichts an der Umgebung.

Genau dort wird für mich der Unterschied zwischen Verständnis und tatsächlicher Berücksichtigung sichtbar. Verständnis ist schnell ausgesprochen. Jemand kann sagen, dass er nachvollziehen kann, dass etwas schwierig ist. Entscheidend wird es erst dort, wo daraus eine konkrete Konsequenz entsteht. Vielleicht eine andere Form der Kommunikation, mehr Klarheit bei Aufgaben, weniger unnötige Unterbrechungen oder schlicht die Bereitschaft, nicht jede Abweichung sofort moralisch zu bewerten. Das muss nicht bedeuten, sämtliche Anforderungen abzuschaffen. Es bedeutet eher, überhaupt zu unterscheiden, welche Anforderung wirklich notwendig ist und welche nur deshalb als selbstverständlich gilt, weil die meisten Menschen damit irgendwie zurechtkommen.

Das ist wahrscheinlich auch ein Teil des Double-Empathy-Problems, der mich besonders interessiert. Kommunikation scheitert nicht einfach nur daran, dass neurodivergente Menschen andere Menschen schlecht verstehen. Unterschiedliche Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Erwartungsmuster können auf beiden Seiten Missverständnisse erzeugen. Trotzdem wird häufig eine Seite zum Abweichenden erklärt und bekommt anschließend die Aufgabe, die gesamte Übersetzung zu leisten. Ich soll verstehen, wie meine Kommunikation auf andere wirkt, mich anpassen und erklären, was ich brauche. Das halte ich grundsätzlich sogar für sinnvoll. Ich erwarte nur denselben Lernprozess in der anderen Richtung.

Eine Diagnose kann dabei eine gemeinsame Sprache schaffen. Sie kann erklären helfen, warum bestimmte Situationen immer wieder ähnlich verlaufen. Problematisch wird sie, wenn sie lediglich dazu dient, den Unterschied zu benennen, während die Anpassung weiterhin vollständig bei der diagnostizierten Person liegt. Dann hat sich zwar die Terminologie verändert, aber nicht unbedingt das Verhältnis.

Ähnlich sehe ich die sozialrechtliche Seite. Eine formale Diagnose oder ein anerkannter Grad der Behinderung kann Zugang zu Rechten, Nachteilsausgleichen und Unterstützungsleistungen eröffnen. Das ist wichtig. Ich würde diese Dinge trotzdem nicht als Bonus betrachten, den jemand durch eine Diagnose erhält. Ein Schwerbehindertenausweis macht das Leben nicht plötzlich vorteilhafter als das eines Menschen ohne Behinderung. Er soll zumindest teilweise Nachteile ausgleichen, die bereits existieren.

Diese Unterscheidung finde ich gesellschaftlich wichtig. Wenn Unterstützung als Vorteil betrachtet wird, entsteht schnell die Vorstellung, jemand bekomme etwas zusätzlich, während andere leer ausgehen. Dabei wäre die sinnvollere Frage häufig, warum diese Unterstützung überhaupt notwendig ist. Wenn ein Mensch bestimmte Rechte braucht, weil Arbeitswelt, Verwaltung, Mobilität oder andere gesellschaftliche Strukturen für ihn reale Barrieren erzeugen, ist der Nachteil nicht erst durch die Diagnose entstanden. Die Diagnose macht ihn nur institutionell sichtbarer.

Gleichzeitig hängt dadurch sehr viel an Kategorien. Ohne die richtige Diagnose, den richtigen Nachweis oder die richtige behördliche Anerkennung kann ein Problem praktisch existieren und institutionell trotzdem kaum zählen. Das verstehe ich bis zu einem gewissen Punkt, weil Systeme Kriterien brauchen und Leistungen nicht vollständig nach Selbsteinschätzung verteilen können. Trotzdem entsteht daraus wieder dieselbe Gefahr: Der diagnostische Begriff wird wichtiger als die konkrete Funktionsbeeinträchtigung des Menschen.

Für INNENSCHAU möchte ich deshalb nicht nur Diagnosen speichern, sondern stärker danach fragen, was im Alltag tatsächlich passiert. Wo entstehen Schwierigkeiten? Unter welchen Bedingungen? Was funktioniert gut? Was kostet außergewöhnlich viel Energie? Welche Unterstützung verändert tatsächlich etwas? Eine Diagnose kann diese Beobachtungen strukturieren, aber sie sollte sie nicht ersetzen.

Das würde auch helfen, Verantwortung differenzierter zu betrachten. Wenn jemand aufgrund von ADHS regelmäßig Fristen vergisst, kann die Diagnose erklären, warum klassische Selbstorganisation schlecht funktioniert. Daraus kann die Verantwortung entstehen, Erinnerungsstrukturen oder Unterstützung aufzubauen. Wenn jemand aufgrund von Überlastung schneller gereizt wird, kann Autismus oder eine andere Belastung relevante Informationen liefern. Daraus folgt aber nicht, dass andere Menschen jede verletzende Reaktion akzeptieren müssen.

Für mich liegt darin eine wesentlich brauchbarere Vorstellung von Verantwortung als in den beiden Extremen, die mir oft begegnen. Das eine Extrem sagt, die Diagnose erkläre alles und deshalb könne die Person nichts dafür. Das andere sagt, eine Diagnose dürfe niemals als Erklärung verwendet werden, weil jeder für sein Verhalten verantwortlich sei. Beides greift zu kurz. Verantwortung hängt auch davon ab, welche Möglichkeiten jemand überhaupt hatte, etwas zu erkennen, zu regulieren oder zu verändern. Eine Erklärung verändert diesen Kontext, ohne automatisch jede Verantwortung aufzuheben.

Das gilt genauso für mich selbst. Wenn ich heute verstehe, warum bestimmte Muster bei mir entstehen, habe ich teilweise sogar mehr Verantwortung als früher, weil ich inzwischen mehr Möglichkeiten habe, sie zu erkennen. Ich weiß beispielsweise, dass ich im Hyperfokus Grenzen meines Körpers übergehen kann. Ich weiß, dass Zurückweisung bei mir sehr stark wirken kann. Ich weiß, dass bestimmte organisatorische Dinge zuverlässig schiefgehen, wenn ich einfach darauf vertraue, dass ich sie im Kopf behalten werde. Dieses Wissen entlastet mich von der Vorstellung, ich müsse nur ein anderer Mensch werden. Gleichzeitig verpflichtet es mich ein Stück weit dazu, Strukturen zu bauen, die mit meiner tatsächlichen Funktionsweise umgehen können.

Genau das wünsche ich mir auch von INNENSCHAU. Nicht eine Ausgabe, die sagt: „Du hast diese Diagnose, deshalb bist du so.“ Eher eine Untersuchung, die zeigen kann: Diese bekannte Diagnose könnte für diesen Teil relevant sein. Unter diesen Bedingungen tritt das Problem stärker auf. Hier gibt es eine Strategie, die bisher funktioniert hat. Hier scheint etwas anderes eine größere Rolle zu spielen. Und an dieser Stelle reicht die vorhandene Information nicht für eine vernünftige Einordnung.

Dann wird die Diagnose zu einem Werkzeug innerhalb einer größeren Untersuchung und nicht zu deren Endpunkt.

Für mich wäre das eine deutlich hilfreichere Form von Entlastung. Nicht die Botschaft, dass ich für nichts etwas kann, sondern die Möglichkeit, Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich sinnvoll ist, ohne gleichzeitig für jede Schwierigkeit so behandelt zu werden, als hätte ich sie mir aus mangelnder Disziplin selbst ausgesucht.

Nicht jede Beeinträchtigung liegt nur im Menschen

Was mir bei Diagnosen außerdem fehlt, ist oft die Frage, wie stark eine Schwierigkeit überhaupt von der Umgebung abhängt. Wenn ich eine bestimmte Aufgabe unter einer Bedingung kaum bewältigen kann und unter einer anderen problemlos, dann reicht es mir irgendwann nicht mehr zu sagen, dass die Ursache einfach in meiner Diagnose liegt. Die Diagnose kann erklären, warum bestimmte Bedingungen einen stärkeren Einfluss auf mich haben. Sie erklärt aber noch nicht, warum ausgerechnet diese Bedingungen als unveränderlicher Normalzustand behandelt werden.

Das habe ich bei Arbeit sehr deutlich erlebt. Ich kann mich über Stunden in ein technisches Problem einarbeiten, Fehler suchen, Zusammenhänge verstehen und selbstständig Lösungen entwickeln. Gleichzeitig können ständige Unterbrechungen, widersprüchliche Anweisungen, frühe Arbeitszeiten, Schlafmangel, dauernde soziale Beobachtung oder eine schlecht organisierte Umgebung meine Leistungsfähigkeit massiv verändern. Wenn man nur auf die Diagnose schaut, könnte man daraus machen, dass ich eben bestimmte Defizite habe. Wenn man die Situation mitbetrachtet, wird die Frage interessanter: Welche Anforderungen gehören tatsächlich zur Aufgabe und welche Schwierigkeiten entstehen erst durch die Art, wie die Arbeit organisiert wurde?

Genau darin sehe ich auch ein Problem bei dem Wort Behinderung. Natürlich gibt es Einschränkungen, die unabhängig von der Umgebung real sind. Ich möchte nicht so tun, als ließe sich jede Schwierigkeit durch ein bisschen bessere Gestaltung wegorganisieren. Gleichzeitig macht die Umgebung einen erheblichen Unterschied darin, wie stark eine Einschränkung im Alltag überhaupt wirksam wird. Wenn ein System nur eine sehr bestimmte Art von Organisation, Kommunikation oder Tagesrhythmus akzeptiert, entstehen für Menschen, die anders funktionieren, zusätzliche Barrieren.

Wenn diese Barrieren später durch einen Schwerbehindertenausweis, Nachteilsausgleich oder andere Unterstützung teilweise ausgeglichen werden, empfinde ich das deshalb nicht als besonderen Vorteil. Für mich ist das eher der Versuch, einen Unterschied auszugleichen, der bereits vorher existiert. Ich bekomme nicht plötzlich einen Bonus dafür, dass ich neurodivergent bin. Ich brauche bestimmte Unterstützungen, weil viele gesellschaftliche Strukturen nicht danach gebaut sind, wie ich funktioniere.

Interessant ist für mich inzwischen, dass wir bei unserem eigenen Unternehmen teilweise genau die umgekehrte Erfahrung machen. Im Team sind unterschiedliche Schwierigkeiten nicht automatisch etwas, das versteckt werden muss. Wenn jemand etwas nicht gut kann, interessiert mich stärker, wer es besser kann oder wie wir den Prozess verändern können. Das heißt nicht, dass jeder nur noch angenehme Aufgaben macht oder dass Verlässlichkeit unwichtig wird. Aber wir müssen nicht zwangsläufig eine einzelne Vorstellung davon haben, wie ein produktiver Mensch auszusehen hat.

Ich merke dabei auch, wie viel Energie in klassischen Arbeitsverhältnissen teilweise dafür draufgeht, eine bestimmte Form von Normalität zu simulieren. Zu einer bestimmten Uhrzeit funktionieren, auf eine bestimmte Weise kommunizieren, bei bestimmten sozialen Ritualen mitmachen, während der gesamten Arbeitszeit sichtbar beschäftigt aussehen und organisatorische Systeme benutzen, die vielleicht schlecht zur eigenen Funktionsweise passen. Ein Teil davon kann für Zusammenarbeit notwendig sein. Ein anderer Teil besteht schlicht aus Gewohnheiten.

Eine Diagnose könnte an dieser Stelle helfen, genauer zu unterscheiden. Nicht indem sie sagt, dass der Mensch sich nicht mehr anpassen muss, sondern indem sie überhaupt sichtbar macht, wo Anpassung überproportional viel Energie kostet. Dann kann man entscheiden, ob die Anforderung notwendig ist. Vielleicht muss sie bleiben. Vielleicht kann sie verändert werden. Vielleicht braucht die Person eine Strategie. Vielleicht ist eine andere Aufgabenverteilung sinnvoller. Diese Fragen sind für mich hilfreicher als die pauschale Feststellung, jemand sei aufgrund seiner Diagnose eingeschränkt.

Genau diese Kontextabhängigkeit sollte INNENSCHAU meiner Meinung nach abbilden können. Wenn jemand immer wieder Schwierigkeiten mit einer bestimmten Tätigkeit dokumentiert, reicht es nicht, nur das Symptom zu speichern. Interessant wären die Bedingungen drumherum. War die Person ausgeschlafen? Gab es viele Unterbrechungen? War die Aufgabe selbst gewählt oder fremdbestimmt? Gab es Zeitdruck? Wie hoch war die Reizbelastung? War die Erwartung klar? Trat dasselbe Problem unter anderen Bedingungen ebenfalls auf?

Dadurch könnte aus einem Satz wie „Ich kann mich schlecht konzentrieren“ irgendwann eine deutlich brauchbarere Beschreibung werden. Vielleicht kann sich jemand hervorragend konzentrieren, wenn die Aufgabe interessant und die Umgebung ruhig ist, und kaum, wenn er ständig zwischen mehreren Anforderungen wechseln muss. Das ist nicht dieselbe Information. Für die Frage, welche Unterstützung tatsächlich funktioniert, ist der Unterschied enorm.

Dasselbe gilt außerhalb der Arbeit. Ein sozialer Rückzug kann in einer Situation Überforderung bedeuten, in einer anderen einfach ein normales Bedürfnis nach Ruhe. Eine starke emotionale Reaktion kann mit Zurückweisungsempfindlichkeit zusammenhängen, mit Trauma, mit aktuellem Stress oder damit, dass tatsächlich eine Grenze verletzt wurde. Wenn das System nur den diagnostischen Begriff sieht, läuft es Gefahr, den Kontext zu verlieren und jedes Verhalten auf dieselbe Ursache zurückzuführen.

Für mich wäre deshalb wichtig, dass INNENSCHAU nicht nur fragt: Welche Diagnose hat dieser Mensch? Sondern auch: Unter welchen Bedingungen wird welche Schwierigkeit überhaupt relevant? Was verbessert sie? Was verschlechtert sie? Welche Fähigkeit ist in einer anderen Umgebung plötzlich verfügbar? Und welche Probleme bleiben auch dann bestehen, wenn die Umgebung bereits gut angepasst ist?

Gerade die letzte Frage verhindert für mich, dass daraus wieder ein einseitiges Modell wird. Nicht alles liegt am System. Nicht alles lässt sich durch bessere Arbeitsbedingungen, verständlichere Kommunikation oder mehr Rücksicht lösen. Manche Schwierigkeiten bleiben und müssen von mir selbst bearbeitet, kompensiert oder akzeptiert werden. Aber genauso wenig liegt alles einfach in mir.

Vielleicht ist genau diese Wechselwirkung der Punkt, den eine gute Diagnose eigentlich erst praktisch interessant macht. Sie sagt nicht nur etwas darüber, welche Merkmale bei einem Menschen vorkommen können. Sie hilft dabei zu verstehen, warum bestimmte Anforderungen, Umgebungen und Belastungen bei diesem Menschen anders wirken.

Wenn INNENSCHAU diese Ebene sauber abbilden kann, wäre eine Diagnose nicht mehr die fertige Erklärung. Sie wäre ein Teil der Landkarte.

Unterstützung sollte an der tatsächlichen Schwierigkeit ansetzen

Je länger ich mich mit Diagnosen beschäftige, desto weniger sinnvoll finde ich die Vorstellung, dass aus einem diagnostischen Begriff automatisch folgt, welche Unterstützung ein Mensch braucht. Zwei Menschen können dieselbe Diagnose haben und im Alltag völlig unterschiedliche Probleme erleben. Der eine braucht vor allem Hilfe bei Organisation und Übergängen, der andere bei Reizverarbeitung, Kommunikation oder Tagesstruktur. Wieder ein anderer kommt in vielen Bereichen gut zurecht und stößt nur unter bestimmten Bedingungen deutlich an Grenzen.

Wenn Unterstützung nur an der Kategorie hängt, besteht deshalb die Gefahr, dass man zwar formal passend eingeordnet wurde, praktisch aber trotzdem am eigentlichen Problem vorbeiarbeitet. Dann gibt es Maßnahmen, weil sie zu einem Diagnosebild gehören, und nicht unbedingt, weil sie für den konkreten Menschen tatsächlich etwas verbessern. Für mich wäre sinnvoller, Diagnose und Funktionsbeeinträchtigung auseinanderzuhalten und anschließend wieder zusammenzubringen. Die Diagnose liefert fachlichen Kontext. Entscheidend für den Alltag ist aber, was unter welchen Bedingungen tatsächlich schwierig wird.

Das kenne ich aus meiner eigenen Geschichte ziemlich gut. Bei Organisation und Bürokratie hilft es mir wenig, nur zu wissen, dass ADHS dabei eine Rolle spielen kann. Interessanter ist, dass bestimmte Dinge bei mir zuverlässig schieflaufen, wenn sie ausschließlich davon abhängen, dass ich irgendwann an einen Brief, eine Frist oder eine einzelne Aufgabe denke. Sobald diese Information bekannt ist, kann man daraus etwas Praktisches machen. Erinnerungen, klare Zuständigkeiten, externe Unterstützung oder Systeme, die Informationen nicht irgendwo verschwinden lassen, sind dann keine abstrakte ADHS-Behandlung, sondern eine Reaktion auf ein konkretes wiederkehrendes Problem.

Bei Arbeit ist es ähnlich. Die Aussage, ich sei autistisch oder habe ADHS, sagt einem Arbeitgeber noch nicht, wie eine Stelle gestaltet werden müsste. Dafür müsste man wissen, dass ich beispielsweise mit klaren Verantwortungsbereichen und hoher Autonomie sehr gut arbeiten kann, während permanente Unterbrechungen, widersprüchliche Anweisungen und soziale Dauerbeobachtung erheblich mehr Energie kosten. Erst diese Ebene wird praktisch.

Genau deshalb möchte ich in INNENSCHAU langfristig nicht nur Diagnosen und Symptome nebeneinander speichern. Mich interessiert eine Art Funktionsprofil, das sich aus tatsächlichen Erfahrungen entwickelt. Nicht als weiterer Persönlichkeitstest, sondern als Verlauf: Was funktioniert? Was funktioniert unter bestimmten Bedingungen nicht? Welche Unterstützung wurde ausprobiert? Was hat geholfen? Was hat überhaupt nichts verändert? Was war vielleicht einmal notwendig und ist heute nicht mehr relevant?

Dadurch könnte auch sichtbarer werden, dass Unterstützung nicht statisch sein muss. Ein Mensch kann in einer Lebensphase sehr viel Hilfe brauchen und später deutlich weniger. Umgekehrt können Veränderungen in Arbeit, Beziehung, Gesundheit oder Wohnsituation dafür sorgen, dass etwas plötzlich schwieriger wird, was vorher jahrelang funktioniert hat. Wenn nur die Diagnose gespeichert wird, verändert sich scheinbar nichts. Wenn man die tatsächliche Funktionsfähigkeit betrachtet, wird die Entwicklung sichtbar.

Das halte ich auch sozialrechtlich für interessant. Natürlich brauchen Behörden und Versicherungen Kriterien. Ein System kann nicht einfach jede Unterstützung ausschließlich danach verteilen, wie jemand sich an einem bestimmten Tag selbst einschätzt. Trotzdem sollte die konkrete Beeinträchtigung nicht hinter dem diagnostischen Etikett verschwinden. Eine Diagnose kann ein notwendiger Nachweis sein, aber sie sollte nicht so behandelt werden, als würde sie automatisch den Umfang eines Unterstützungsbedarfs vollständig erklären.

Für mich hängt daran auch Würde. Wenn jemand Hilfe braucht, sollte er nicht zuerst beweisen müssen, dass er möglichst kaputt ist. Gleichzeitig sollte Unterstützung auch nicht bedeuten, dass seine Fähigkeiten ignoriert werden. Ich kann in manchen Bereichen sehr selbstständig und leistungsfähig sein und in anderen Unterstützung brauchen. Diese Kombination ist überhaupt kein Widerspruch. Trotzdem funktionieren viele Kategorien so, als müsste jemand entweder grundsätzlich leistungsfähig oder grundsätzlich eingeschränkt sein.

Gerade bei Neurodivergenz passt diese Vorstellung schlecht. Fähigkeiten können extrem ungleich verteilt sein. Jemand kann komplexe Systeme verstehen und gleichzeitig mit einem Formular scheitern. Er kann mehrere Projekte koordinieren und trotzdem einen Termin vergessen. Er kann fachlich hervorragend kommunizieren und in einer sozialen Situation komplett überfordert sein. Von außen wirken solche Unterschiede schnell widersprüchlich oder unglaubwürdig, wenn man erwartet, dass Leistungsfähigkeit überall ungefähr gleich verteilt sein müsste.

Ich kenne dieses Problem selbst. Wenn Menschen sehen, was ich inzwischen technisch und organisatorisch aufbaue, kann es schwer nachvollziehbar wirken, dass ich gleichzeitig bei bestimmten Alltagsdingen Unterstützung brauche. Für mich ist daran inzwischen wenig merkwürdig. Es sind einfach unterschiedliche Anforderungen. Die Fähigkeit, eine komplexe Architektur zu entwickeln, ersetzt nicht automatisch die Fähigkeit, zuverlässig Post zu bearbeiten oder in jeder bürokratischen Situation denselben Überblick zu behalten.

Genau deshalb möchte ich auch verhindern, dass INNENSCHAU aus vorhandenen Stärken automatisch auf fehlenden Unterstützungsbedarf schließt. Eine Person kann in einem Bereich hochkompetent sein und in einem anderen erhebliche Barrieren haben. Das eine widerlegt das andere nicht. Umgekehrt sollte eine diagnostizierte Schwierigkeit nicht dazu führen, dass vorhandene Fähigkeiten kleiner gemacht werden.

Vielleicht wäre das langfristig sogar eine der nützlichsten Funktionen eines solchen Systems: nicht nur Probleme zu dokumentieren, sondern die tatsächliche Verteilung von Fähigkeiten, Belastungen und Unterstützungsbedarf sichtbar zu machen. Dann würde aus einer Diagnose nicht mehr die Frage entstehen, was jemand aufgrund dieses Etiketts wahrscheinlich kann oder nicht kann. Man könnte viel konkreter schauen, wie dieser einzelne Mensch unter realen Bedingungen funktioniert.

Für mich wäre das deutlich näher an dem, was Unterstützung leisten sollte. Nicht einen Menschen möglichst vollständig einer Kategorie zuordnen, sondern herausfinden, an welchen Stellen etwas verändert werden muss, damit vorhandene Fähigkeiten überhaupt zugänglich werden.

Eine Diagnose sollte Türen öffnen und keine neue Identität festschreiben

Für mich wird eine Diagnose besonders dann sinnvoll, wenn sie etwas ermöglicht, das vorher nicht erreichbar war. Sie kann einen Zugang zu Behandlung schaffen, zu Nachteilsausgleichen, zu Unterstützung oder überhaupt erst zu einem fachlichen Gespräch darüber, warum bestimmte Dinge immer wieder schwierig werden. Genau deshalb würde ich Diagnostik auch nicht kleinreden wollen. In meinem eigenen Leben wäre einiges wahrscheinlich anders verlaufen, wenn bestimmte Zusammenhänge früher verstanden worden wären.

Trotzdem finde ich es problematisch, wenn sich der Wert einer Diagnose irgendwann daran misst, wie vollständig ein Mensch sich mit ihr identifiziert. Ich muss nicht jede typische Beschreibung von ADHS oder Autismus in mir wiederfinden, damit die Diagnose relevant sein kann. Ich muss auch nicht anfangen, jedes Verhalten nachträglich passend dazu zu erklären. Eine Diagnose kann stimmen und trotzdem nur einen Teil meines Lebens beschreiben.

Das ist gerade bei Neurodivergenz wichtig, weil aus einer hilfreichen Erklärung sehr schnell eine neue Identitätsschablone entstehen kann. Menschen finden endlich Begriffe für Erfahrungen, die vorher keinen Zusammenhang hatten, und beginnen verständlicherweise, viel darüber zu lesen. Dann kommen Communities, Erfahrungsberichte, Listen mit Merkmalen und immer neue Erklärungen dazu. Vieles davon kann enorm hilfreich sein. Gleichzeitig entsteht die Gefahr, dass man irgendwann weniger fragt, was bei einem selbst tatsächlich passiert, und stärker danach sucht, wie gut man in das neue Modell hineinpasst.

Ich kenne diesen Mechanismus auch aus anderen Bereichen. Sobald ein System eine starke Erklärung anbietet, beginnt der Kopf automatisch, Material dafür zu sammeln. Das ist bei Diagnosen nicht grundsätzlich anders als bei Persönlichkeitssystemen oder anderen Deutungsmodellen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass klinische Diagnosen fachliche Kriterien, diagnostische Verfahren und reale Versorgungsfunktionen haben. Trotzdem schützt auch eine wissenschaftlich fundierte Kategorie nicht davor, im Alltag zu breit verwendet zu werden.

Für INNENSCHAU bedeutet das für mich, dass eine Diagnose weder versteckt noch zum Zentrum des gesamten Profils werden sollte. Sie ist eine wichtige Information innerhalb eines größeren Verlaufs. Wenn jemand bereits diagnostiziert ist, kann das System diese Information berücksichtigen. Wenn jemand nur einen Verdacht hat, muss der Status ein anderer bleiben. Und wenn bestimmte Beobachtungen auf eine mögliche diagnostische Abklärung hinweisen, sollte daraus keine heimliche Diagnose durch die Hintertür entstehen.

Gerade diese Navigation finde ich sinnvoll. Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Du hast Autismus“ und „Mehrere deiner dokumentierten Schwierigkeiten könnten eine fachliche Abklärung in diese Richtung sinnvoll machen“. Das eine beansprucht diagnostische Autorität. Das andere hilft einem Menschen dabei, die nächste sinnvolle Frage zu finden. Für ein System wie INNENSCHAU sollte diese Grenze nicht nur sprachlich, sondern grundsätzlich klar sein.

Dasselbe gilt, wenn bereits mehrere Diagnosen vorhanden sind. Dann möchte ich nicht, dass das System daraus einen Wettbewerb macht, welche davon die „wahre“ Erklärung liefert. ADHS, Autismus, Traumafolgen, depressive Zustände, aktuelle Überlastung oder andere Faktoren können sich gegenseitig beeinflussen. Manche Symptome überschneiden sich. Manche sehen von außen ähnlich aus und entstehen trotzdem aus unterschiedlichen Mechanismen. Eine sinnvolle Untersuchung müsste deshalb eher auseinanderhalten, was sicher bekannt ist, was plausibel erscheint und welche Fragen fachlich noch offen sind.

Das schützt auch davor, eine Diagnose vorschnell wieder wegzuerklären. Wenn später ein anderes Modell auftaucht, bedeutet das nicht automatisch, dass die vorherige Diagnose falsch gewesen sein muss. Menschen können mehrere relevante Bedingungen gleichzeitig haben. Genauso kann sich eine frühere Einschätzung tatsächlich als unvollständig oder falsch herausstellen. Entscheidend ist für mich, dass das System beide Möglichkeiten zulässt und nicht aus jeder neuen Information sofort eine neue endgültige Geschichte baut.

Ich möchte dabei auch keine Diagnostik nach dem Prinzip, möglichst viele Etiketten zu sammeln. Mehr Diagnosen bedeuten nicht automatisch mehr Verständnis. Wenn zwei Begriffe praktisch dieselbe Schwierigkeit beschreiben, ist wenig gewonnen, wenn der Mensch am Ende nur eine längere Liste vor sich hat. Interessanter ist, welche Information tatsächlich einen Unterschied für Behandlung, Unterstützung oder Selbstverständnis macht.

Ein guter diagnostischer Prozess sollte aus meiner Sicht deshalb auch Grenzen haben. Es muss möglich sein zu sagen, dass eine Frage mit den verfügbaren Informationen gerade nicht beantwortbar ist. Vielleicht fehlen Dokumente. Vielleicht widersprechen sich Angaben. Vielleicht ist eine aktuelle Krise so stark, dass bestimmte Merkmale momentan schwer einzuordnen sind. Dann ist eine vorläufige Unsicherheit für mich besser als eine schnelle Sicherheit, die später jahrelang weitergetragen wird.

Gerade weil ich erlebt habe, wie langlebig diagnostische Aussagen werden können, möchte ich diesen Schritt nicht automatisieren. INNENSCHAU kann vorbereiten. Es kann Beobachtungen über längere Zeit sammeln, Muster strukturieren, vorhandene Diagnosen dokumentieren und Hinweise darauf geben, welche fachliche Abklärung sinnvoll sein könnte. Die eigentliche Diagnose gehört dort, wo sie hingehört: in einen qualifizierten diagnostischen Prozess mit Menschen, die dafür verantwortlich sind.

Damit wird die KI nicht weniger nützlich. Im Gegenteil. Gerade die Vorbereitung könnte viel besser werden. Statt in einem Termin aus dem Gedächtnis erklären zu müssen, was in den letzten Jahren passiert ist, könnte ein Mensch einen strukturierten Verlauf mitbringen. Welche Schwierigkeiten treten wann auf? Welche Gegenbeispiele gibt es? Welche alten Dokumente sind vorhanden? Welche Diagnosen wurden wann gestellt? Was hat sich seitdem verändert? Das wären für mich Informationen, mit denen eine Fachperson wesentlich besser arbeiten kann als mit einem automatisch erzeugten Etikett.

Vielleicht ist das langfristig die sinnvollste Rolle von INNENSCHAU in diesem Bereich. Nicht möglichst früh sagen, was jemand hat, sondern dazu beitragen, dass eine diagnostische Frage präziser gestellt werden kann und die Person besser vorbereitet in den Prozess geht.

Eine Diagnose darf dann genau das tun, was sie im besten Fall tun sollte: Orientierung geben, Zugang ermöglichen und bestimmte Schwierigkeiten verständlicher machen. Sie muss dafür nicht übernehmen, wer der Mensch insgesamt ist.

Eine Diagnose darf wichtig sein, ohne alles zu werden

Wenn ich das für mich zusammenfasse, möchte ich weder zurück zu einer Zeit, in der Diagnosen kaum eine Rolle spielen und reale Schwierigkeiten wieder nur als Charakterfehler behandelt werden, noch möchte ich in die andere Richtung gehen und jede Erfahrung über einen diagnostischen Begriff erklären. Beides macht einen Menschen kleiner, als er ist. Im ersten Fall werden Unterschiede ignoriert, im zweiten werden sie irgendwann zur vollständigen Identität.

Bei mir haben Diagnosen tatsächlich geholfen. Sie haben Zusammenhänge verständlicher gemacht, Zugang zu Unterstützung eröffnet und mir ermöglicht, manche Schwierigkeiten anders zu betrachten als früher. Das will ich nicht relativieren. Gleichzeitig musste ich lernen, dass die Erklärung „Das hängt wahrscheinlich damit zusammen“ etwas anderes ist als „Dafür kann ich nichts und deshalb muss ich daran nichts verändern“. Gerade wenn eine Diagnose nach Jahren von Schuld und Unverständnis zunächst sehr entlastend wirkt, ist diese Grenze nicht immer leicht zu halten.

Für mich ist Verantwortung heute deshalb auch nicht mehr dasselbe wie Schuld. Wenn etwas für mich aufgrund meiner neurologischen oder psychischen Voraussetzungen deutlich schwieriger ist, kann ich das anerkennen, ohne mir daraus einen moralischen Vorwurf zu machen. Trotzdem kann ich überlegen, welche Möglichkeiten ich habe, damit umzugehen. Vielleicht brauche ich andere Strukturen. Vielleicht muss ich eine Grenze früher erkennen. Vielleicht brauche ich Unterstützung durch einen anderen Menschen. Vielleicht muss sich die Umgebung verändern. Und manchmal bleibt auch einfach eine Einschränkung bestehen, die sich nicht sinnvoll wegtrainieren lässt.

Das ist wesentlich realistischer als die Vorstellung, dass entweder der Mensch oder die Umwelt vollständig verantwortlich sein muss. Bei manchen Problemen kann ich selbst sehr viel verändern. Bei anderen könnte eine kleine organisatorische Anpassung mehr bewirken als jahrelanges Bemühen, mich an eine ungeeignete Struktur anzupassen. Wieder andere Schwierigkeiten bleiben wahrscheinlich auch unter guten Bedingungen bestehen. Ich möchte diese Unterschiede nicht schon vorher durch ein einziges Erklärungsmodell entscheiden.

Genau diese Haltung soll INNENSCHAU später auch bei Diagnosen behalten. Es muss einen Unterschied machen, ob eine Diagnose fachlich gestellt wurde, ob jemand nur einen Verdacht hat, ob ein Screening Auffälligkeiten zeigt oder ob lediglich einzelne Merkmale dokumentiert wurden. Diese Ebenen dürfen nicht dadurch verschwimmen, dass sie sich sprachlich ähnlich anhören. Ein Verdacht ist kein Befund, ein Screening keine Diagnose und eine Diagnose wiederum keine Erklärung für jedes Verhalten.

Genauso wichtig ist mir, dass eine Diagnose ihre Herkunft und ihren zeitlichen Kontext behält. Wann wurde sie gestellt? Unter welchen Bedingungen? Welche Unterlagen lagen vor? Welche späteren Informationen passen dazu, welche widersprechen möglicherweise? Wurde sie später erneut bestätigt oder anders eingeordnet? Damit wird aus einem einzelnen Begriff wieder etwas, das in einer Entwicklungsgeschichte steht.

Das soll nicht dazu führen, dass Nutzer permanent ihre Diagnosen infrage stellen müssen. Wenn etwas sauber diagnostiziert wurde und sich im Verlauf bestätigt, darf das eine stabile Information sein. Aber stabil bedeutet für mich nicht allmächtig. Eine bekannte ADHS-Diagnose kann sehr relevant sein und trotzdem kann eine aktuelle Konzentrationsverschlechterung zusätzlich mit zwei Nächten ohne Schlaf zu tun haben. Autismus kann bestimmte soziale Erfahrungen verständlicher machen und trotzdem kann jemand in einem konkreten Konflikt schlicht im Unrecht sein. Trauma kann eine Reaktion beeinflussen und trotzdem ist nicht jede unangenehme Situation automatisch ein Trauma-Trigger.

Gerade diese Differenzierung würde ich gern erhalten, weil sie meiner Erfahrung nach sowohl Selbstentlastung als auch Verantwortung ehrlicher macht. Ich muss nicht behaupten, dass alles meine freie Entscheidung war, wenn es offensichtlich Bedingungen gab, die meine Möglichkeiten eingeschränkt haben. Ich muss aber auch nicht jedes Verhalten als unvermeidbare Folge meiner Diagnosen behandeln.

Für andere Menschen gilt derselbe Maßstab. Wenn mir jemand erklärt, dass eine bestimmte Reaktion mit einer Diagnose zusammenhängt, möchte ich das ernst nehmen. Das bedeutet nicht automatisch, dass ich jedes Verhalten akzeptieren muss. Verständnis und Grenze können gleichzeitig existieren. Eigentlich müsste genau das die Konsequenz aus mehr Wissen sein: weniger vorschnelle moralische Urteile, aber nicht weniger Verantwortung füreinander.

Vielleicht ist das auch die Richtung, in die ich das Thema Neurodivergenz innerhalb von INNENSCHAU langfristig bringen möchte. Nicht nur eine Liste von Merkmalen, nach der jemand möglichst viele Punkte sammelt, sondern eine genaue Betrachtung davon, wie ein Mensch tatsächlich funktioniert. Welche Schwierigkeiten treten auf? Welche Fähigkeiten sind vorhanden? Welche Bedingungen verändern beides? Welche Unterstützung hilft wirklich? Wo braucht es eine qualifizierte diagnostische Abklärung und wo reicht vielleicht schon eine bessere Struktur?

Dann müsste eine Diagnose nicht mehr die Antwort auf die Frage sein, wer jemand ist. Sie wäre eine wichtige Information darüber, was bei diesem Menschen verstanden und berücksichtigt werden sollte.

Für mich ist das genug. ADHS und Autismus dürfen Teile meiner Geschichte erklären. Sie müssen nicht meine gesamte Geschichte besitzen.

Diagnostik sollte Orientierung geben, nicht das Denken beenden

Für mich wäre eine gute Diagnose eigentlich der Beginn einer genaueren Untersuchung und nicht ihr Ende. Sie beantwortet eine wichtige Frage, aber sie sollte nicht dazu führen, dass anschließend keine weiteren Fragen mehr gestellt werden. Wenn ADHS bei mir diagnostiziert ist, weiß ich dadurch wesentlich mehr als vorher. Trotzdem weiß ich noch nicht automatisch, warum ein bestimmter Arbeitstag funktioniert und ein anderer nicht, warum ich in einer Beziehung auf eine Situation besonders stark reagiere oder weshalb eine organisatorische Aufgabe an einem Tag problemlos klappt und drei Tage später vollständig liegen bleibt.

Genau diese Ebene interessiert mich für INNENSCHAU. Eine Diagnose kann einen relevanten Rahmen liefern, innerhalb dieses Rahmens passiert aber weiterhin ein konkretes Leben. Schlaf, Stress, Beziehungssituation, Arbeitsbedingungen, Medikamente, Reizbelastung, Interesse, körperlicher Zustand und andere Faktoren verändern, was zu einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt zugänglich ist. Wenn das System diese Bedingungen nicht mitbetrachtet, produziert es am Ende nur eine technisch aufwendigere Variante von „Du hast ADHS, deshalb ist das so“.

Ich möchte auch vermeiden, dass vorhandene Diagnosen die Reihenfolge der Untersuchung unbemerkt bestimmen. Wenn eine Person mit einer bekannten Diagnose neue Schwierigkeiten dokumentiert, ist es natürlich sinnvoll zu prüfen, ob diese damit zusammenhängen könnten. Es sollte aber genauso möglich sein, festzustellen, dass etwas gerade besser durch einen anderen Zusammenhang erklärt wird. Vielleicht ist der Schlaf seit Wochen schlecht. Vielleicht hat sich die Arbeitssituation verändert. Vielleicht gibt es eine akute Beziehungskrise. Vielleicht verursacht ein Medikament Probleme. Vielleicht liegt tatsächlich etwas Neues vor, das fachlich untersucht werden sollte. Die vorhandene Diagnose liefert Kontext, aber sie darf nicht jedes neue Problem automatisch absorbieren.

Das gilt auch in die andere Richtung. Nur weil eine Schwierigkeit gut durch äußere Bedingungen erklärbar ist, muss eine Diagnose dadurch nicht plötzlich irrelevant werden. Wenn ich unter schlechten Arbeitsbedingungen wesentlich stärker Probleme bekomme als unter guten, kann beides gleichzeitig stimmen: Die Umgebung ist schlecht organisiert und meine neurodivergente Funktionsweise macht bestimmte Teile davon für mich zusätzlich belastend. Ich sehe wenig Sinn darin, daraus einen Wettbewerb zwischen biologischer, psychologischer und sozialer Erklärung zu machen.

Gerade diese Entweder-oder-Debatten haben mich bei psychischen und neurodivergenten Themen immer gestört. Entweder alles ist Gehirn und Genetik oder alles ist Trauma. Entweder jemand ist behindert oder die Gesellschaft behindert ihn. Entweder Verhalten ist Symptom oder persönliche Verantwortung. Im wirklichen Leben greifen diese Ebenen viel stärker ineinander. Manche Voraussetzungen bringe ich mit. Manche Erfahrungen haben mich geprägt. Manche Schwierigkeiten entstehen erst unter bestimmten Bedingungen. Und manche Entscheidungen bleiben trotzdem meine.

INNENSCHAU sollte deshalb nicht versuchen, eine dieser Ebenen zur Master-Erklärung zu machen. Wenn mehrere Modelle plausibel sind, möchte ich sie vergleichen können. Was spricht für die eine Erklärung? Was für die andere? Welche Beobachtung würde sie unterscheiden? Gibt es Gegenbeispiele? Welche Information fehlt noch? Und ist die Frage überhaupt wichtig genug, um sie weiterzuverfolgen?

Diese letzte Frage finde ich mittlerweile ebenfalls relevant. Man kann sich auch zu Tode analysieren. Nur weil etwas theoretisch weiter untersucht werden kann, muss daraus nicht automatisch ein zusätzlicher Test, ein neues Screening oder die nächste Diagnose werden. Manchmal reicht es möglicherweise zu wissen, dass eine bestimmte Situation regelmäßig schwierig ist und dass eine konkrete Strategie hilft. Wenn die genaue diagnostische Zuordnung daran nichts verändern würde, muss sie für diese praktische Frage vielleicht auch nicht sofort beantwortet werden.

An anderen Stellen ist eine saubere Diagnostik dagegen wichtig. Wenn Behandlung davon abhängt, wenn sozialrechtliche Ansprüche betroffen sind oder wenn unterschiedliche Ursachen völlig unterschiedliche Konsequenzen hätten, reicht eine vage Selbsteinschätzung nicht. Genau dort sollte INNENSCHAU nicht versuchen, die Fachdiagnostik zu ersetzen. Es kann besser vorbereiten, Beobachtungen über Zeit sammeln und zeigen, welche Fragen noch offen sind. Der eigentliche diagnostische Schritt bleibt etwas anderes.

Ich möchte deshalb langfristig auch deutlich unterscheiden, welche Art von Ergebnis jemand vor sich hat. Eine bestätigte Diagnose darf nicht genauso aussehen wie ein auffälliges Screening. Ein Screening darf nicht genauso aussehen wie eine lose Hypothese aus persönlichen Beobachtungen. Und ein Muster, das eine KI aus Daten abgeleitet hat, braucht wiederum einen anderen Status. Wenn diese Unterschiede in der Oberfläche verschwinden, hilft auch die sauberste interne Architektur irgendwann wenig.

Gerade Zahlen können dabei schnell falsche Sicherheit erzeugen. Wenn ein Screening beispielsweise einen hohen Wert ergibt, sieht dieser Wert sehr eindeutig aus. Trotzdem hängt seine Bedeutung davon ab, was überhaupt gemessen wurde, wie gut das Instrument für die jeweilige Frage geeignet ist und welche anderen Erklärungen möglich sind. Ich möchte keine Oberfläche, die aus solchen Ergebnissen automatisch eine Wahrscheinlichkeit dafür macht, „wie sehr“ jemand eine Diagnose hat, nur weil Prozentzahlen wissenschaftlicher aussehen.

Dasselbe gilt für Vergleiche über Zeit. Ein höherer Wert muss nicht automatisch bedeuten, dass jemand „autistischer“, „mehr ADHS“ oder grundsätzlich kränker geworden ist. Vielleicht ist die aktuelle Belastung höher. Vielleicht hat sich die Selbstwahrnehmung verbessert. Vielleicht beantwortet jemand Fragen inzwischen anders, weil er sie besser versteht. Genau deshalb braucht auch ein Verlauf Kontext.

Für mich wäre ein gutes System in diesem Bereich eher eines, das Veränderungen sichtbar macht, ohne sie sofort zu überinterpretieren. Wenn sich ein Muster verändert, kann man hinschauen. Wenn eine bekannte Schwierigkeit plötzlich wesentlich stärker wird, kann das ein Grund sein, genauer zu prüfen. Wenn eine Unterstützung funktioniert, sollte das ebenfalls sichtbar werden. Dadurch entsteht mit der Zeit ein wesentlich brauchbareres Bild als durch einen einmaligen Test, der behauptet, den Menschen endgültig vermessen zu haben.

Dabei muss das System auch akzeptieren, dass manche Diagnosen für einen Menschen identitär wichtig werden können. Ich möchte niemandem vorschreiben, wie stark er sich beispielsweise als autistisch oder neurodivergent versteht. Für manche Menschen ist diese Identität ein wichtiger Teil davon, endlich eine Gemeinschaft und Sprache für die eigene Erfahrung zu finden. Das Problem beginnt für mich nicht bei Identifikation. Es beginnt dort, wo die Kategorie keine anderen Erklärungen oder Entwicklungen mehr zulässt.

Das gilt für mich genauso. ADHS und Autismus sind keine nebensächlichen Informationen in meiner Geschichte. Sie haben mein Leben beeinflusst und beeinflussen es weiterhin. Ich möchte sie nicht kleinreden, nur um besonders differenziert zu wirken. Ich möchte nur verhindern, dass aus zwei sehr wichtigen Informationen die Behauptung entsteht, damit sei der Rest von mir bereits erklärt.

Genau deshalb passt der diagnostische Teil für mich auch so gut zur Grundidee von INNENSCHAU. Das System soll nicht Kategorien abschaffen. Es soll sie besser einordnen. Eine Diagnose darf stabil sein, ohne allmächtig zu werden. Eine Hypothese darf interessant sein, ohne sich als Diagnose auszugeben. Eine aktuelle Schwierigkeit darf ernst genommen werden, auch wenn ihr diagnostischer Status noch unklar ist.

Damit würde aus Diagnostik etwas, das Orientierung schafft, ohne die weitere Untersuchung abzuwürgen. Ich kann wissen, dass eine Diagnose zu mir gehört, und trotzdem weiter fragen, was in einer konkreten Situation eigentlich gerade passiert.

Genau diese Beweglichkeit möchte ich erhalten.

Eine Diagnose sollte Handlungsspielraum vergrößern

Am Ende interessiert mich bei einer Diagnose deshalb vor allem, ob sie meinen Handlungsspielraum vergrößert. Wenn ich nach einer Diagnose besser verstehe, warum etwas passiert, gezielter Unterstützung suchen kann und weniger Energie darauf verschwende, mich für bestimmte Schwierigkeiten moralisch fertigzumachen, dann hat sie für mich einen konkreten Nutzen. Wenn sie dagegen nur dazu führt, dass ich mich selbst und andere mich noch enger über einen Begriff betrachten, ist wenig gewonnen.

Das gilt auch für die Art, wie ich mit meinen eigenen Schwierigkeiten umgehe. Wenn ich weiß, dass bestimmte organisatorische Probleme bei mir zuverlässig auftreten, muss ich nicht jedes Mal wieder beweisen, dass ich es diesmal mit genügend Willenskraft alleine schaffe. Ich kann ein System darum bauen. Wenn ich weiß, dass bestimmte Situationen mich stark überreizen, kann ich versuchen, sie anders zu gestalten oder früher zu reagieren. Das ist für mich keine Kapitulation vor einer Diagnose. Es ist eher die Konsequenz daraus, die eigene Funktionsweise ernst zu nehmen.

Gleichzeitig möchte ich mir die Möglichkeit erhalten, mich zu verändern. Nicht jede Strategie, die ich heute brauche, muss für immer notwendig bleiben. Nicht jede Schwierigkeit bleibt gleich stark. Manche Dinge werden durch Erfahrung besser, andere durch eine andere Umgebung, Behandlung oder Unterstützung. Wieder andere bleiben wahrscheinlich dauerhaft Teil meines Lebens. Ich möchte nur nicht schon vorher festlegen, welche Kategorie für immer zu welchem Ergebnis führen muss.

Genau das würde ich auch von INNENSCHAU erwarten. Das System sollte nicht nur dokumentieren, was schwierig ist, sondern genauso, was sich verändert. Wenn eine Unterstützung funktioniert, ist das relevante Information. Wenn etwas früher ein großes Problem war und heute kaum noch eines ist, sollte der alte Zustand nicht weiterhin das aktuelle Bild dominieren. Und wenn eine Schwierigkeit plötzlich wieder stärker wird, wäre interessant, welche Bedingungen sich verändert haben, statt sofort davon auszugehen, die Diagnose selbst habe sich irgendwie „verschlimmert“.

Dadurch wird auch Entwicklung sichtbarer, ohne dass daraus wieder eine Optimierungspflicht entsteht. Ich muss nicht jede neurodivergente Eigenschaft loswerden, um mich entwickelt zu haben. Manche Dinge gehören zu meiner Art, wahrzunehmen, zu denken und zu arbeiten. Entscheidend ist für mich eher, ob ich mit ihnen so umgehen kann, dass sie mein Leben nicht unnötig einschränken und dass ich andere Menschen dabei nicht aus dem Blick verliere.

Das ist auch der Punkt, an dem Verantwortung für mich wieder sinnvoll wird. Verantwortung bedeutet nicht, so zu funktionieren, als hätte ich keine Diagnose. Sie bedeutet, mit dem Wissen, das ich inzwischen über mich habe, möglichst vernünftig umzugehen. Wenn ich weiß, dass ich bei bestimmten Dingen Unterstützung brauche, gehört es zu meiner Verantwortung, diese Unterstützung zu nutzen oder Strukturen dafür zu schaffen. Wenn ich weiß, dass eine bestimmte Situation mich regelmäßig eskalieren lässt, gehört es zu meiner Verantwortung, früher darauf zu reagieren. Die Diagnose nimmt mir diese Verantwortung nicht ab. Sie kann mir nur helfen, sie realistischer zu gestalten.

Von anderen erwarte ich im Gegenzug ebenfalls etwas. Wenn ich offen kommuniziere, dass eine bestimmte Schwierigkeit real ist, möchte ich nicht jedes Mal wieder beweisen müssen, dass sie keine Ausrede ist. Man kann von mir Verantwortung erwarten und gleichzeitig anerkennen, dass gleiche Anforderungen nicht immer denselben Aufwand bedeuten. Diese beiden Dinge schließen sich für mich nicht aus.

Vielleicht liegt darin auch die sinnvollste Form von Inklusion. Nicht jedem Menschen exakt dasselbe zu geben und anschließend zu behaupten, damit seien alle gleich behandelt worden. Sondern zu schauen, welche Bedingungen notwendig sind, damit Menschen ihre tatsächlichen Fähigkeiten nutzen können. Das kann bedeuten, manche Prozesse anzupassen. Es kann genauso bedeuten, dass eine bestimmte Anforderung unverändert bleiben muss und jemand einen anderen Weg braucht. Mir geht es nicht darum, jede Grenze der Realität wegzuverhandeln.

Für INNENSCHAU bedeutet das langfristig, dass eine Diagnose nicht nur als Etikett im Profil stehen sollte. Sie sollte mit den konkreten Erfahrungen verbunden werden können, bei denen sie tatsächlich relevant ist, mit funktionierenden Strategien, Unterstützungsbedarf, Veränderungen und Situationen, in denen andere Erklärungen plausibler sind. So entsteht mit der Zeit kein größerer Diagnosetext, sondern ein differenzierteres Bild davon, wie ein Mensch unter realen Bedingungen lebt.

Genau dabei sollte das System auch aufpassen, dass es Menschen nicht aufgrund ihrer Diagnose unterschätzt. Wenn jemand in einem Bereich große Schwierigkeiten hat, folgt daraus nicht, dass er in einem anderen weniger kompetent ist. Bei mir kann dieselbe Person, die Unterstützung bei Bürokratie braucht, komplexe Softwarearchitekturen bauen, Forschungsmodelle entwickeln und über Stunden technische Probleme lösen. Dass das von außen widersprüchlich wirken kann, sagt wahrscheinlich mehr über unsere Vorstellung gleichmäßig verteilter Fähigkeiten aus als über den Menschen selbst.

Ich möchte deshalb auch keine INNENSCHAU-Auswertung, die hauptsächlich Defizite katalogisiert. Schwierigkeiten gehören hinein, wenn sie relevant sind. Genauso gehören Fähigkeiten, funktionierende Bedingungen und bereits entwickelte Strategien hinein. Nicht damit am Ende zwanghaft alles positiv gerahmt wird, sondern weil beides zur tatsächlichen Funktionsweise gehört.

Eine Diagnose kann dann etwas sehr Wichtiges sein, ohne zum Mittelpunkt jeder Erklärung zu werden. Sie kann helfen, Rechte zu bekommen, Unterstützung zu organisieren, sich selbst besser zu verstehen und bestimmte Muster früher zu erkennen. Gleichzeitig darf sie offenlassen, dass ein Mensch noch aus sehr viel mehr besteht und dass manche Fragen auch nach einer guten Diagnose weiterhin offen bleiben.

Ich brauche ADHS und Autismus deshalb weder aus meiner Geschichte herauszureden noch sie zur Antwort auf jede Frage zu machen. Beides gehört zu mir. Aber ich möchte weiterhin selbst untersuchen können, was sie in einer konkreten Situation tatsächlich erklären und was nicht.

Genau dafür soll INNENSCHAU Raum lassen.

Am Ende muss die Diagnose wieder in das Leben zurück

Vielleicht ist das für mich inzwischen der Punkt, an dem eine Diagnose ihren eigentlichen Platz bekommt. Sie entsteht zwar in einem diagnostischen Verfahren und wird in einer Akte festgehalten, aber relevant wird sie nicht auf dem Papier. Relevant wird sie dort, wo sie dabei hilft, das eigene Leben etwas verständlicher und vielleicht auch handhabbarer zu machen. Wenn nach der Diagnose nur ein neuer Begriff vorhanden ist, aber niemand weiß, was daraus praktisch folgt, bleibt ein großer Teil ihres möglichen Nutzens liegen.

Bei mir war das ein längerer Prozess. Zu wissen, dass ADHS und Autismus zu meiner Geschichte gehören, hat nicht automatisch dafür gesorgt, dass ich meinen Alltag plötzlich verstanden habe. Ich musste trotzdem erst herausfinden, welche Arbeitsbedingungen funktionieren, warum bestimmte Formen von Organisation regelmäßig scheitern, wie stark Schlaf und Überlastung meine Fähigkeiten verändern und an welchen Stellen ich Unterstützung brauche. Manche Dinge konnte ich erst Jahre später sinnvoll mit den Diagnosen verbinden. Andere Dinge, die zunächst dazu zu passen schienen, würde ich heute differenzierter betrachten.

Genau deshalb halte ich eine Diagnose auch nicht für eine fertige Gebrauchsanweisung. Sie gibt einen wichtigen Rahmen, aber innerhalb dieses Rahmens muss der einzelne Mensch immer noch herausfinden, was für ihn tatsächlich relevant ist. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können völlig unterschiedliche Strategien brauchen, andere Stärken haben und unter unterschiedlichen Bedingungen Probleme bekommen. Ein Diagnosehandbuch kann diese individuelle Ebene nicht vollständig vorwegnehmen.

Für INNENSCHAU bedeutet das, dass der interessante Teil eigentlich nach der diagnostischen Information beginnt. Nicht mit der Frage, wie viele typische Merkmale noch gefunden werden können, sondern damit, welche konkreten Zusammenhänge im eigenen Leben sichtbar werden. Welche Belastung taucht immer wieder gemeinsam mit einem Problem auf? Was funktioniert besser, wenn eine bestimmte Bedingung verändert wird? Welche Unterstützung hilft tatsächlich und welche wurde zwar empfohlen, bringt aber wenig? Wo passt eine Diagnose gut als Erklärung und wo wird sie nur benutzt, weil gerade keine bessere vorhanden ist?

Dabei möchte ich auch vermeiden, dass das System aus jeder Beobachtung automatisch eine Intervention machen muss. Manchmal reicht es, etwas zu verstehen. Nicht jede Eigenart braucht eine Strategie, nicht jedes ungewöhnliche Verhalten eine Behandlung und nicht jede Abweichung vom Durchschnitt muss optimiert werden. Wenn etwas für den Menschen selbst kein Problem darstellt und niemand anderem schadet, muss INNENSCHAU daraus nicht künstlich eine Baustelle erzeugen.

Das ist für mich gerade bei Neurodivergenz wichtig. Es gibt Eigenschaften, die je nach Umgebung Belastung oder Stärke sein können. Mein Hyperfokus kann mich körperlich völlig überziehen lassen und gleichzeitig einer der Gründe sein, warum ich mich sehr tief in komplexe Projekte einarbeiten kann. Meine starke Mustererkennung kann mich in manchen Situationen überfordern und in anderen enorm hilfreich sein. Wenn ein System solche Eigenschaften ausschließlich über Defizite beschreibt, verliert es einen Teil ihrer tatsächlichen Funktion. Wenn es sie dagegen nur romantisiert, verliert es die Belastung aus dem Blick. Beides wäre mir zu einfach.

Ich möchte deshalb auch bei INNENSCHAU keine erzwungene positive Sprache. Nicht jede Behinderung ist heimlich eine Superkraft. Manche Dinge sind einfach schwierig. Manche kosten Unterstützung, Zeit und Energie und bringen keinen besonderen Vorteil mit. Gleichzeitig besteht ein Mensch auch nicht nur aus seinen Einschränkungen. Die Aufgabe wäre eher, beides so abzubilden, wie es tatsächlich vorkommt, ohne daraus eine motivierende Geschichte machen zu müssen.

Vielleicht wird dadurch auch verständlicher, warum ich mit dem Begriff Neurodivergenz vorsichtig umgehen möchte. Er kann eine hilfreiche gemeinsame Perspektive schaffen und unterschiedliche neurologische oder psychische Funktionsweisen sichtbar machen. Wenn er aber irgendwann so weit wird, dass praktisch jede Besonderheit darunter fällt oder alle darunter zusammengefassten Menschen als eine einheitliche Gruppe behandelt werden, verliert er ebenfalls an Genauigkeit. Auch ein grundsätzlich hilfreicher Begriff braucht Grenzen.

Das Gleiche gilt für Diagnosen insgesamt. Sie sind Werkzeuge zur Beschreibung und Orientierung. Gute Werkzeuge müssen nicht alles können. Ein Schraubenzieher wird nicht schlechter, weil man damit keinen Nagel einschlägt. Problematisch wird es erst, wenn man jedes Problem so lange umdefiniert, bis das vorhandene Werkzeug wieder passt.

Genau diese Versuchung möchte ich bei INNENSCHAU vermeiden. Wenn eine bekannte Diagnose eine Beobachtung nicht ausreichend erklärt, soll das System nicht versuchen, sie trotzdem passend zu machen. Dann bleibt die Frage offen oder eine andere Hypothese kommt dazu. Wenn eine Diagnose dagegen sehr gut erklärt, warum ein bestimmtes Muster unter bestimmten Bedingungen immer wieder auftritt, darf sie auch genau dieses Gewicht bekommen. Der Status entsteht aus der Passung zur konkreten Frage und nicht daraus, dass ein Begriff grundsätzlich wichtiger als alle anderen ist.

Für mich wäre das wahrscheinlich die sinnvollste Verbindung aus Diagnose und Selbstuntersuchung. Die Diagnose liefert Sprache, fachlichen Kontext und manchmal sehr konkrete Zugänge zu Unterstützung. Die eigene Beobachtung zeigt, wie sich das im tatsächlichen Leben äußert. Andere Perspektiven ergänzen oder widersprechen dem. Und mit der Zeit entsteht ein Bild, das genauer werden kann, ohne jemals behaupten zu müssen, damit sei der Mensch vollständig beschrieben.

Ich möchte meine Diagnosen deshalb weder loswerden noch mich hinter ihnen verstecken. Sie sind wichtige Teile meiner Geschichte, und einige meiner Schwierigkeiten ergeben ohne sie deutlich weniger Sinn. Aber sie sind immer noch Teile.

Wenn INNENSCHAU diese Unterscheidung bewahrt, wäre für mich viel erreicht: Eine Diagnose darf erklären, entlasten, Rechte eröffnen und Orientierung geben. Sie darf nur nicht irgendwann so groß werden, dass der Mensch dahinter kaum noch zu sehen ist.

Eine Diagnose sollte am Ende wieder kleiner werden dürfen

Für mich wäre wahrscheinlich ein gutes Zeichen, wenn eine Diagnose irgendwann nicht mehr ständig im Vordergrund stehen muss. Nicht weil sie falsch oder unwichtig geworden ist, sondern weil sie ihren Platz gefunden hat. Wenn ich verstanden habe, welche Schwierigkeiten tatsächlich damit zusammenhängen, welche Strategien funktionieren und welche Unterstützung ich brauche, muss ich nicht mehr jede neue Situation zuerst durch dieselbe Kategorie betrachten. Die Diagnose kann vorhanden bleiben, ohne permanent alles andere zu überlagern.

Bei mir war das teilweise ein längerer Weg. Nach Jahren, in denen vieles gar nicht verstanden wurde oder als persönlicher Fehler behandelt wurde, ist es nachvollziehbar, dass ein Begriff zunächst sehr groß wird. Plötzlich gibt es Erklärungen für Dinge, bei denen vorher nur Frust war. Man liest, vergleicht, erkennt sich wieder und beginnt, die eigene Geschichte neu zu sortieren. Ich halte diese Phase nicht für problematisch. Wahrscheinlich war sie bei mir an manchen Stellen notwendig. Problematisch würde es für mich erst dann, wenn diese Neuordnung irgendwann abgeschlossen wäre und trotzdem jede weitere Entwicklung nur noch innerhalb derselben Diagnose stattfinden dürfte.

Genau deshalb möchte ich auch nicht, dass INNENSCHAU aus Diagnosen immer größere Identitätsblöcke baut. Ein Mensch kann eine stabile ADHS- oder Autismusdiagnose haben und trotzdem neue Strategien entwickeln, andere Arbeitsbedingungen finden, Beziehungen anders gestalten oder Schwierigkeiten verlieren, die früher sehr präsent waren. Die Diagnose verschwindet dadurch nicht. Aber ihre konkrete Bedeutung im Alltag kann sich verändern. Ein System sollte diese Veränderung mitnehmen können, statt ständig nur zu bestätigen, dass die ursprüngliche Kategorie weiterhin existiert.

Das bedeutet für mich auch, dass eine gute Auswertung nicht ständig mehr Pathologie finden muss. Wenn etwas funktioniert, darf es einfach funktionieren. Wenn eine Person eine Strategie gefunden hat, die zuverlässig hilft, muss daraus nicht zwangsläufig die nächste Analyse entstehen. Wenn eine Schwierigkeit nur noch selten auftritt, sollte das sichtbar werden. Und wenn bestimmte Eigenschaften keine Belastung darstellen, braucht das System keinen Grund, sie künstlich zu problematisieren.

Gerade bei einem Produkt, das langfristig sehr viele Informationen zusammenführen kann, finde ich diese Begrenzung wichtig. Mehr Daten verführen dazu, immer mehr Muster zu produzieren. Man kann aus fast allem eine Verbindung herstellen, wenn genug Material vorhanden ist. Für mich wird die Qualität deshalb nicht daran hängen, wie viele Zusammenhänge INNENSCHAU findet, sondern auch daran, welche es bewusst nicht behauptet. Manchmal ist die beste Einordnung schlicht, dass eine bekannte Diagnose für eine aktuelle Frage kaum relevant ist.

Das gilt genauso für Verantwortung. Je besser ich meine eigene Funktionsweise verstehe, desto weniger sinnvoll finde ich sowohl Selbstvorwürfe als auch pauschale Entschuldigungen. Ich muss mich nicht dafür beschimpfen, dass mein Gehirn bei bestimmten Dingen anders funktioniert. Gleichzeitig kann ich mich nicht hinter diesem Unterschied verstecken, wenn mein Verhalten andere Menschen verletzt. Das eine nimmt dem anderen nichts weg. Eigentlich wird Verantwortung erst brauchbar, wenn sie nicht ständig mit Schuld verwechselt wird.

Für mich heißt das heute beispielsweise, dass ich Strukturen um Dinge bauen darf, die bei mir regelmäßig nicht funktionieren. Ich muss nicht beweisen, dass ich irgendwann doch noch ein Mensch werde, der jede Frist zuverlässig im Kopf behält oder problemlos in jeder Arbeitsumgebung funktioniert. Gleichzeitig kann ich nicht erwarten, dass andere sämtliche Folgen auffangen, wenn ich längst weiß, wo meine Schwierigkeiten liegen und keinerlei Versuch mache, damit umzugehen. Wissen über die eigene Diagnose vergrößert an manchen Stellen nicht nur die Selbstakzeptanz, sondern auch die Möglichkeiten, Verantwortung konkreter zu übernehmen.

Dasselbe wünsche ich mir gesellschaftlich. Ich möchte nicht, dass ein Mensch erst seine Diagnose möglichst dramatisch darstellen muss, damit eine reale Barriere ernst genommen wird. Ich möchte aber genauso wenig, dass jede Anforderung automatisch als diskriminierend gilt, sobald sie für jemanden schwierig ist. Manche Anforderungen sind tatsächlich notwendig. Andere sind veränderbare Gewohnheiten. Das muss man im Einzelfall anschauen können, und genau dafür ist eine differenzierte Beschreibung der tatsächlichen Funktionsweise hilfreicher als ein Etikett allein.

Vielleicht ist das auch der Punkt, an dem sich für mich Diagnose und Selbstbestimmung wieder treffen. Eine Diagnose kann mir Sprache geben, die ich vorher nicht hatte. Sie kann erklären, warum bestimmte Dinge schwerer sind, mir Zugang zu Unterstützung verschaffen und dazu beitragen, dass ich mich selbst weniger falsch einordne. Danach muss sie aber nicht weiter wachsen, bis sie jedes andere Merkmal meines Lebens verschluckt.

INNENSCHAU sollte diesen Prozess unterstützen können. Es darf eine Diagnose ernst nehmen, ihre Relevanz im Verlauf sichtbar machen und Hinweise erkennen, wenn eine fachliche Abklärung sinnvoll wäre. Es sollte aber genauso erkennen können, wenn eine konkrete Frage besser mit Schlaf, Stress, Beziehung, Arbeitsbedingungen, Trauma, einer anderen Erkrankung oder schlicht einer normalen menschlichen Reaktion erklärt wird. Und manchmal sollte es keine eindeutige Erklärung auswählen müssen.

Das ist für mich inzwischen wahrscheinlich die vernünftigste Haltung zu meinen eigenen Diagnosen. Ich möchte nicht so tun, als wären ADHS und Autismus nebensächlich. Dafür haben sie zu viel erklärt und zu viel in meinem Leben beeinflusst. Ich möchte ihnen nur nicht die Deutungshoheit über alles andere geben.

Eine Diagnose darf mir helfen, mein Leben besser zu verstehen. Sie muss dafür nicht entscheiden, wer ich bin.

Diagnosen müssen korrigierbar bleiben

Was für mich noch dazugehört, ist die Möglichkeit, dass eine Diagnose später anders bewertet werden kann. Nicht jede einmal gestellte Diagnose muss falsch sein, nur weil Jahre vergangen sind. Aber sie sollte auch nicht allein deshalb unangreifbar werden, weil sie irgendwann von einer Fachperson in eine Akte geschrieben wurde. Menschen verändern sich, diagnostische Kriterien verändern sich, neue Informationen kommen hinzu und manchmal stellt sich schlicht heraus, dass eine frühere Einordnung zu grob oder falsch war.

Gerade deshalb finde ich es wichtig, zwischen einer Diagnose und ihrer Dokumentationsgeschichte zu unterscheiden. Es macht einen Unterschied, ob etwas einmal in einer akuten Krise vermutet wurde, ob eine ausführliche Diagnostik stattgefunden hat, ob die Diagnose später erneut bestätigt wurde oder ob sie einfach über Jahre aus alten Arztbriefen übernommen worden ist. Von außen kann am Ende überall derselbe Begriff stehen. Seine Grundlage kann trotzdem völlig unterschiedlich sein.

Ich kenne aus meinen eigenen Unterlagen genug Beispiele dafür, wie schnell Informationen weitergetragen werden, ohne dass später noch sichtbar ist, wo sie ursprünglich herkommen. Bei Diagnosen ist das besonders relevant, weil sie sehr viel stärker als einzelne biografische Angaben beeinflussen können, wie spätere Fachpersonen einen Menschen lesen. Wenn eine Diagnose einmal vorhanden ist, werden neue Beobachtungen leicht innerhalb dieses Rahmens interpretiert. Dadurch kann sich etwas selbst stabilisieren, ohne dass es ständig neu geprüft wird.

Das heißt für mich nicht, dass Ärzte bei jedem Termin sämtliche Diagnosen eines Menschen wieder von vorne untersuchen sollen. Das wäre weder realistisch noch sinnvoll. Aber der Status sollte nachvollziehbar bleiben. Wurde etwas gesichert diagnostiziert? Ist es eine Verdachtsdiagnose? Stammt die Information lediglich aus einem früheren Bericht? Gibt es spätere Befunde, die sie bestätigen oder infrage stellen? Diese Unterschiede sind für mich wesentlich wichtiger als eine möglichst lange Liste diagnostischer Begriffe.

Genau das möchte ich bei INNENSCHAU später technisch nicht verlieren. Wenn eine Diagnose eingetragen wird, sollte möglichst auch ihre Herkunft erhalten bleiben. Nicht nur „ADHS vorhanden“, sondern wann und in welchem Kontext diese Information entstanden ist und welchen Status sie hat. Wenn eine spätere Fachperson zu einer anderen Einschätzung kommt, sollte die alte Information nicht heimlich verschwinden, aber genauso wenig weiterhin als unveränderte Gegenwart behandelt werden.

Damit könnte ein persönlicher Verlauf wesentlich ehrlicher werden. Eine frühere Diagnose könnte beispielsweise als historisch relevant erhalten bleiben, während eine spätere Neubewertung danebensteht. Man könnte sehen, was sich verändert hat und warum. Für mich wäre das sinnvoller, als ein persönliches Profil ständig so umzuschreiben, als hätte immer nur die jeweils aktuelle Version existiert.

Dasselbe gilt für Fehldiagnosen. Eine falsche Diagnose ist nicht belanglos, nur weil sie später korrigiert wurde. Sie kann Behandlung beeinflusst haben, Selbstbild, Akten, Beziehungen und die Art, wie andere Menschen Verhalten interpretiert haben. Deshalb gehört auch ihre Korrektur zur Geschichte. Das System sollte nicht nur den endgültigen Zustand speichern, sondern nachvollziehbar machen können, wie man dort hingekommen ist.

Diese Revisionsfähigkeit finde ich auch wissenschaftlich und menschlich wichtig. Ein gutes Modell muss grundsätzlich die Möglichkeit enthalten, falsch zu sein. Wenn eine Diagnose oder Theorie so behandelt wird, dass jede neue Information automatisch wieder als Bestätigung gelesen wird, verliert sie irgendwann genau die Fähigkeit, die sie eigentlich brauchbar macht. Dann erklärt sie zwar immer mehr, wird aber gleichzeitig immer schlechter überprüfbar.

Für mich gilt das genauso für Selbsteinschätzungen. Nur weil ich heute überzeugt bin, dass eine bestimmte Erklärung zu meiner Geschichte passt, bedeutet das nicht, dass ich sie für immer verteidigen muss. Vielleicht finde ich später neue Dokumente. Vielleicht verstehe ich eine alte Situation anders. Vielleicht zeigt eine fachliche Untersuchung, dass ich zwei Dinge miteinander verbunden habe, die gar nicht zusammengehören. Dann möchte ich diese Korrektur nicht als Niederlage behandeln müssen.

Genau diese Haltung fehlt mir bei vielen Diskussionen rund um Diagnosen. Menschen verteidigen entweder die Diagnose, als würde eine Neubewertung ihre gesamte bisherige Identität infrage stellen, oder sie behandeln jede diagnostische Unsicherheit gleich als Beweis dafür, dass das ganze System unbrauchbar sei. Ich finde beides unnötig. Eine Diagnose kann sehr hilfreich gewesen sein und später trotzdem präzisiert werden. Eine frühere Einordnung kann teilweise falsch gewesen sein und trotzdem wichtige Beobachtungen enthalten haben.

Für INNENSCHAU wäre deshalb wichtig, dass Veränderung nicht als Datenfehler behandelt wird. Wenn sich eine Einschätzung ändert, soll das System nicht versuchen, die Vergangenheit passend zur Gegenwart umzuschreiben. Es soll die Veränderung sichtbar machen. Genau daraus kann schließlich Erkenntnis entstehen.

Vielleicht ist das am Ende auch eine gute Beschreibung dessen, was ich von Diagnostik insgesamt erwarte. Sie sollte präzise genug sein, um etwas zu erklären und konkrete Unterstützung möglich zu machen, aber beweglich genug bleiben, um neue Informationen auszuhalten. Sie darf Orientierung geben, ohne aus ihrer eigenen Vergangenheit eine unangreifbare Wahrheit zu machen.

Eine Diagnose kann ein wichtiger Teil davon sein, einen Menschen besser zu verstehen. Sie sollte aber immer eine Information bleiben, die geprüft, eingeordnet und im Zweifel auch korrigiert werden kann.

Diagnostik soll genauer machen, nicht enger

Wenn ich all das zusammennehme, ist mein Problem nicht die Diagnose selbst. Mein Problem beginnt dort, wo aus einer Diagnose eine Abkürzung für den ganzen Menschen wird. ADHS und Autismus haben mir geholfen, viele Dinge in meiner Geschichte wesentlich besser zu verstehen. Ich möchte diese Erklärungen nicht wieder verlieren. Gleichzeitig möchte ich nicht jedes Mal, wenn etwas in meinem Leben schwierig wird, nur noch fragen, welche meiner Diagnosen dafür zuständig ist.

Für mich wäre eine gute diagnostische Einordnung deshalb eine, die genauer macht. Sie sollte Unterschiede sichtbar machen, die vorher übersehen wurden, und dabei helfen, konkrete Schwierigkeiten sinnvoller zu behandeln. Sie darf erklären, warum etwas unter bestimmten Bedingungen häufiger passiert oder mehr Energie kostet. Gleichzeitig sollte sie offenlassen, dass Schlaf, Trauma, Beziehungen, Arbeitsbedingungen, aktuelle Belastungen, körperliche Faktoren und eigene Entscheidungen ebenfalls eine Rolle spielen können.

Genau diese Offenheit möchte ich in INNENSCHAU technisch erhalten. Eine bestätigte Diagnose muss als bestätigte Diagnose erkennbar sein. Ein Verdacht bleibt ein Verdacht. Ein Screening ist ein Screening. Eine persönliche Selbstbeschreibung ist etwas anderes als eine klinische Einschätzung. Und wenn eine KI aus mehreren Beobachtungen einen möglichen Zusammenhang ableitet, soll daraus nicht stillschweigend die nächste Diagnose entstehen.

Dasselbe gilt für den zeitlichen Verlauf. Ich möchte später nachvollziehen können, wann eine Einschätzung entstanden ist und was seitdem passiert ist. Vielleicht wurde eine Diagnose später bestätigt. Vielleicht wurde sie präzisiert. Vielleicht hat eine andere Fachperson widersprochen. Vielleicht ist sie weiterhin richtig, aber manche Schwierigkeiten, die früher damit verbunden waren, spielen heute kaum noch eine Rolle. All das gehört für mich zu derselben Geschichte.

Dadurch kann eine Diagnose stabil sein, ohne statisch zu werden. Ich muss nicht jedes Jahr neu beweisen, dass ich ADHS oder Autismus habe, nur damit das System offen genug bleibt. Aber ich möchte genauso wenig, dass ein einmal gespeicherter Begriff anschließend jede neue Beobachtung automatisch absorbiert. Stabilität und Korrigierbarkeit schließen sich für mich nicht aus.

Entscheidend ist am Ende ohnehin, was sich für den Menschen daraus ergibt. Wenn eine Diagnose dazu führt, dass eine passende Unterstützung gefunden wird, ein Arbeitsplatz besser gestaltet werden kann, ein Arztgespräch präziser wird oder jemand endlich versteht, warum bestimmte Strategien immer wieder scheitern, hat sie einen realen Wert. Wenn sie dagegen nur eine zusätzliche Kategorie produziert, mit der sich jeder Konflikt und jede Eigenart erklären lässt, hat sie irgendwann mehr Macht als Nutzen.

Ich möchte deshalb auch keine Anwendung bauen, die Menschen dazu bringt, möglichst viele Diagnosen über sich zu sammeln. Mehr Kategorien sind nicht automatisch mehr Selbsterkenntnis. Manchmal ist eine zusätzliche Abklärung wichtig. Manchmal reicht eine konkrete Beobachtung darüber, was unter welchen Bedingungen funktioniert. Das System sollte zwischen diesen Situationen unterscheiden können, statt aus jeder Unsicherheit automatisch die nächste diagnostische Frage zu machen.

Für mich gehört dazu auch, dass fachliche Diagnostik dort bleibt, wo sie hingehört. INNENSCHAU kann einen Verlauf vorbereiten, Informationen strukturieren und darauf hinweisen, dass eine qualifizierte Abklärung sinnvoll sein könnte. Es kann dabei helfen, in einem Termin nicht wieder die Hälfte zu vergessen oder jahrelange Entwicklungen aus dem Kopf in zehn Minuten zusammenfassen zu müssen. Die eigentliche Diagnose soll aber nicht dadurch entstehen, dass ein Sprachmodell genügend passende Muster gefunden hat.

Vielleicht ist das gerade für mich persönlich wichtig, weil ich beide Extreme kenne. Ich kenne die Zeit, in der Schwierigkeiten einfach als persönliches Versagen gelesen wurden. Und ich kenne die Versuchung, nach einer Diagnose plötzlich sehr vieles damit zu erklären. Beides nimmt Komplexität heraus, nur in unterschiedliche Richtungen.

Heute möchte ich lieber genauer unterscheiden. Manche Dinge hängen sehr wahrscheinlich mit ADHS zusammen. Manche mit Autismus. Manche mit Erfahrungen, die ich gemacht habe. Manche mit den Bedingungen, unter denen ich gerade lebe oder arbeite. Manche hängen miteinander zusammen. Und manchmal habe ich mich schlicht falsch verhalten und muss keine Diagnose dazwischenschieben, um das zu erklären.

Das macht Diagnosen für mich nicht kleiner. Eigentlich macht es sie brauchbarer. Sie müssen nicht alles erklären, um wichtig zu sein.

Wenn INNENSCHAU diese Haltung beibehält, soll eine Diagnose dort ihren Platz bekommen, wo sie tatsächlich etwas beiträgt: als fachlich relevante Information, als Zugang zu Unterstützung, als mögliche Erklärung für bestimmte Muster und als Teil einer Entwicklungsgeschichte. Sie soll weder ignoriert noch zur Antwort auf jede Frage werden.

ADHS und Autismus gehören zu mir und haben mein Leben stark geprägt. Ich brauche sie nicht als Entschuldigung für alles, und ich brauche auch niemanden, der so tut, als wären sie nur Etiketten, die ich mir wegdenken könnte. Sie dürfen wichtig sein, ohne mich vollständig zu erklären.