Themen · Lebensbedingungen Thema 01 · Lebensbedingungen

Arbeitsfähig heißt noch lange nicht, in jede Arbeit zu passen

Ich habe in meinem Leben genug gearbeitet, um die Frage, ob ich grundsätzlich arbeitsfähig bin, eigentlich ziemlich langweilig zu finden. Auf Montage bin ich durch Ställe gelaufen, habe Maschinen bedient, Anlagen gebaut, repariert und Fehler gesucht. Ich bin Stapler gefahren, obwohl ich keinen Staplerschein hatte, und musste an Maschinen arbeiten, für die ich teilweise keine vernünftige Einweisung bekommen hatte. Vieles blieb trotzdem an mir hängen. Wenn eine Anlage nicht funktionierte, musste man herausfinden, warum. Wenn etwas fehlte, wurde improvisiert. Wenn man mit einer Hebebühne stundenlang durch einen Stall fährt, während überall Kabel, Leitungen und anderes Zeug im Weg ist, kann man auch nicht einfach abschalten. Man muss konzentriert bleiben, mitdenken und aufpassen, dass man nichts kaputtmacht.

Diese Art von Arbeit konnte ich erstaunlich gut. Körperlich lange durchziehen, praktische Probleme lösen, mich schnell in etwas einarbeiten und Verantwortung übernehmen lagen mir wesentlich mehr als vieles, was von außen wahrscheinlich einfacher aussieht. Besonders gut war es dann, wenn ich ein klares Aufgabengebiet hatte und innerhalb dieses Rahmens selbst entscheiden konnte, wie ich zum Ergebnis komme. Wenn klar war, was am Ende funktionieren muss, konnte ich planen, ausprobieren, Fehler suchen und mich teilweise sehr lange auf eine Sache konzentrieren. Deutlich schwieriger wurde es, sobald ständig jemand über die Schulter schaute, jeden Handgriff kommentierte oder mitten in einer Aufgabe wieder etwas anderes dazwischenschob. Kunden, die direkt danebenstanden und jede Bewegung beobachteten, haben meine Konzentration nicht verbessert. Sie haben sie eher kaputtgemacht.

Genau darin lag für mich lange ein merkwürdiger Widerspruch. Ich konnte belastende und verantwortungsvolle Arbeit machen und gleichzeitig bei Dingen auffallen, die im Arbeitsalltag sofort als Charakterproblem gelesen werden. Zeitmanagement war immer wieder ein Thema. Früh am Morgen zuverlässig zu funktionieren, war oft schwieriger als stundenlang an einem technischen Problem dranzubleiben. Ständige Unterbrechungen, widersprüchliche Anweisungen, monotone Tätigkeiten, soziale Daueranspannung und Mikromanagement konnten mich deutlich schneller aus der Spur bringen als die eigentliche Arbeit. Trotzdem landet die Bewertung irgendwann schnell bei Begriffen wie faul, unzuverlässig, schwierig oder nicht belastbar. Das konkrete Problem wird dann zu einer Beschreibung des ganzen Menschen.

In meinen bisherigen Arbeitsstellen gab es fast überall Teile, die gut zu mir gepasst haben. Das Problem waren für mich meistens die Bedingungen drumherum. Wenn Werkzeug fehlte, wurde darauf hingewiesen und oft passierte trotzdem nichts. Wenn Abläufe unnötig kompliziert waren, weil beispielsweise ein Lager seit Ewigkeiten schlecht organisiert war, mussten die Mitarbeiter eben weiter Zeit damit verbringen, Sachen durch die Gegend zu räumen. Wenn man vorgeschlagen hat, etwas anders zu machen, war man schnell derjenige, der sich beschwert. Bei besseren Arbeitsbedingungen war es ähnlich. Es wurde gesagt, man schaue, was möglich sei, aber im Alltag änderte sich häufig wenig. Dieses Gefühl, dass von mir ständig Anpassung erwartet wurde, während die Organisation selbst praktisch unverändert bleiben durfte, hat sich durch verschiedene Arbeitsverhältnisse gezogen.

Ein besonders deutliches Beispiel war die angekündigte Vier-Tage-Woche. Damit wurde geworben und darüber wurde gesprochen, tatsächlich umgesetzt wurde sie nach meiner Erinnerung nur ein paar Mal. Wenn man ansonsten einen Urlaubstag einsetzen muss, um auf vier Arbeitstage zu kommen, ist das für mich keine Vier-Tage-Woche. Mich hat dabei nicht einmal nur die zusätzliche Arbeitszeit gestört. Schwieriger fand ich, wenn Bedingungen vorher attraktiver dargestellt wurden und nach Vertragsabschluss kaum noch eine Rolle spielten. Wenn Dinge vorher besprochen werden und später so behandelt werden, als hätte es dieses Gespräch nie gegeben, beschädigt das irgendwann auch das Vertrauen in den Rest.

Auf Montage kam noch hinzu, dass Arbeitszeit nicht einfach am Feierabend endete. Man war weit weg, hatte wenig eigene Freizeit und konnte sein normales Leben nicht einfach nach der Arbeit weiterführen. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass diese zusätzliche Belastung besonders berücksichtigt wurde, weder finanziell noch praktisch. Ich hätte dabei nicht erwartet, dass ein Arbeitgeber einem ständig Geschenke macht oder jede Unannehmlichkeit ausgleicht. Mir fehlte eher das Gefühl, dass überhaupt gesehen wird, was diese Form von Arbeit zusätzlich kostet und dass von beiden Seiten versucht wird, eine vernünftige Lösung zu finden.

Natürlich ist die andere Seite genauso real. Ein Arbeitgeber kann nicht jede Stelle vollständig um einen einzelnen Menschen herum bauen. Manche Anforderungen gehören tatsächlich zur Tätigkeit. In einem Team braucht es Absprachen, Verlässlichkeit und bestimmte Zeiten, und nicht jede Aufgabe lässt sich so organisieren, wie sie einem persönlich am besten gefällt. Auch meine eigenen Schwierigkeiten verschwinden nicht dadurch, dass Arbeitsbedingungen schlecht sind. Wenn ich zu spät komme, bin ich zu spät. Wenn mein Zeitmanagement nicht funktioniert, ist das ein reales Problem. Ich finde nur, dass diese Feststellung noch nicht die ganze Analyse ersetzt. Man kann gleichzeitig fragen, was ich verändern muss und ob ein Teil der Organisation unnötig schwer macht, was ohnehin schon schwierig ist.

Der Unterschied ist für mich wichtig, weil Arbeitsfähigkeit im Alltag oft behandelt wird, als wäre sie eine feste Eigenschaft. Jemand ist belastbar oder eben nicht. Jemand funktioniert oder funktioniert nicht. Meine eigene Erfahrung war sehr viel widersprüchlicher. Ich konnte in einem Bereich enorm ausdauernd und selbstständig sein und an einer anderen Stelle regelmäßig Schwierigkeiten haben. Ich konnte komplexe Probleme lösen und gleichzeitig Probleme mit Pünktlichkeit haben. Ich konnte Verantwortung übernehmen und unter permanenter Beobachtung deutlich schlechter arbeiten. Das sind keine zwei verschiedenen Personen, sondern unterschiedliche Seiten derselben Leistungsfähigkeit unter unterschiedlichen Bedingungen.

Heute merke ich diesen Unterschied noch deutlicher, weil ich an meinem eigenen Projekt wesentlich mehr arbeite als früher. Website, INNENSCHAU, Entwicklung, Texte, Tests und Entscheidungen nehmen inzwischen sehr viele Stunden ein, oft mehr, als eigentlich vernünftig wäre. Trotzdem fällt mir diese Arbeit grundsätzlich leichter, weil ich viel mehr Einfluss darauf habe, wann ich was mache und wie ich einen Arbeitsablauf organisiere. Wenn ich nachts konzentrierter bin, kann ich nachts arbeiten. Wenn mein Kopf für eine bestimmte Aufgabe gerade nichts hergibt, kann ich etwas anderes vorziehen. Wenn ich einen Ablauf schlecht finde, kann ich ihn verändern, statt ihn jahrelang weiterzuführen, weil er irgendwann einmal so eingeführt wurde.

Das macht Selbstständigkeit für mich nicht automatisch gesund. Im Moment sehe ich eher, wie leicht ich mich auch selbst überfordern kann. Niemand muss mich dazu zwingen, zu lange zu arbeiten oder Schlaf nach hinten zu schieben. Das bekomme ich selbst gut genug hin. Der Unterschied liegt darin, dass ich heute zumindest mehr Einfluss auf die Bedingungen habe und deutlicher merke, welche Art von Arbeit mir Zugang zu meinen Fähigkeiten gibt und welche mich einen erheblichen Teil meiner Energie schon dafür kostet, überhaupt in den Arbeitsmodus zu kommen.

Wenn ich meine bisherigen Jobs rückblickend betrachte, würde ich deshalb nicht sagen, dass ich grundsätzlich nicht in Lohnarbeit passe. Dafür gab es zu viele Aufgaben, die gut funktioniert haben. Ich glaube eher, dass die Rahmenbedingungen häufig schlechter zu mir gepasst haben als die Tätigkeit selbst und dass bei Konflikten fast automatisch davon ausgegangen wurde, die Lösung müsse vor allem darin bestehen, dass ich mich stärker anpasse. Genau das würde ich heute anders betrachten. Es geht für mich nicht darum, jede Schwierigkeit auf die Arbeitswelt abzuwälzen. Mich interessiert vielmehr, welche Anforderungen tatsächlich zur Tätigkeit gehören und welche nur deshalb bestehen bleiben, weil niemand bereit ist, die Organisation selbst zu hinterfragen.

Vielleicht wäre „arbeitsfähig“ dann auch ein weniger grober Begriff. Nicht nur die Frage, ob ein Mensch grundsätzlich irgendeine Arbeit leisten kann, sondern welche Fähigkeiten vorhanden sind, unter welchen Bedingungen sie zugänglich werden und wie Arbeit organisiert sein muss, damit jemand sie dauerhaft nutzen kann. In meinem Fall macht dieser Unterschied rückblickend sehr viel verständlicher, ohne damit jeden eigenen Fehler wegzuerklären.

→ Als Nächstes: Was in der Akte steht, wird irgendwann zur Wahrheit