Ich habe irgendwann angefangen, alte Arztbriefe, Schulzeugnisse und andere Unterlagen nicht mehr nur als Dokumentation meiner Vergangenheit zu lesen, sondern auch als Dokumentation darüber, wie andere Menschen mich damals gesehen haben. Das ist ein Unterschied. In so einer Akte steht nicht einfach die Vergangenheit. Da steht eine Auswahl davon, geschrieben von jemandem, der eine bestimmte Situation gesehen, bestimmte Fragen gestellt und daraus eine bestimmte Interpretation gemacht hat. Das Problem beginnt für mich dort, wo diese Interpretation Jahre später nicht mehr wie eine Interpretation behandelt wird, sondern wie eine Tatsache.
Ein Beispiel dafür ist etwas, das ich damals nur als Flimmern auf einfarbigen Flächen beschreiben konnte. Ich hatte dafür keinen besseren Begriff. Heute würde ich es mit Visual Snow in Verbindung bringen, aber damals konnte ich eben nur erklären, was ich wahrnehme. In den Unterlagen wurde daraus nicht einfach festgehalten, dass ich dieses Phänomen beschreibe. Meine Wahrnehmung selbst wurde fraglich. Ähnlich war es bei akustischen Wahrnehmungen in Situationen mit Dunkelheit und dem Gefühl, verfolgt zu werden, die ich selbst mit Erfahrungen aus meiner Kindheit und dem Missbrauch in Zusammenhang bringe. Auch dort blieb für mich weniger hängen, dass jemand versucht hat zu verstehen, unter welchen Bedingungen diese Wahrnehmungen auftreten und welche Geschichte dahintersteht, sondern eher die Frage, ob meine Wahrnehmung überhaupt verlässlich ist.
Wenn so etwas einmal in einem medizinischen Dokument steht, verändert sich die Ausgangslage für jedes spätere Gespräch. Ich komme dann nicht mehr einfach mit meiner eigenen Beschreibung in den Raum. Ich komme mit einer Beschreibung über mich hinein, die schon vorher existiert. Der nächste Mensch liest nicht nur, was ich sage, sondern auch, was jemand anderes irgendwann über das gesagt hat, was ich sage. Und wenn beides nicht zusammenpasst, hat die Akte erstaunlich oft einen Vorsprung.
Das zieht sich bei mir bis in frühe Schulzeugnisse zurück. Dort stehen Dinge wie aggressives Verhalten, Konzentrationsprobleme oder Anzeichen von Arbeitsverweigerung. Das sind zunächst Beobachtungen von Verhalten. Später wurde vieles davon unter ADHS eingeordnet, was für Teile meiner Geschichte natürlich relevant ist. Trotzdem verändert sich durch so eine Diagnose rückwirkend auch die Art, wie man die alten Texte liest. Aus einem Kind, das in einer bestimmten Situation nicht arbeitet, wird schnell ein Kind mit Arbeitsverweigerung. Aus einem Konflikt wird aggressives Verhalten. Aus Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit wird ein Merkmal, das irgendwann zu einem bekannten Gesamtbild gehört. Vielleicht stimmt ein Teil davon. Vielleicht fehlen andere Teile. Was mich daran stört, ist weniger, dass Menschen damals etwas beobachtet und aufgeschrieben haben. Mich stört, wie selten im Dokument sichtbar bleibt, was Beobachtung war, was Interpretation und was später daraus gemacht wurde.
Bei der angeblichen Computersucht sehe ich das besonders deutlich. Natürlich habe ich viel Zeit am Computer verbracht. Aber „der sitzt halt ständig vor dem Computer“ beschreibt nur einen kleinen Teil dessen, was dort passiert ist. Ich habe nicht nur gespielt. Ich habe früh Webseiten programmiert, Musik produziert, mich um Communities gekümmert und Dinge ausprobiert, die im Rückblick ziemlich gut zu dem passen, womit ich mich heute wieder beschäftige. In einer Akte kann aus all dem trotzdem ein einziges Wort werden. Computersucht. Damit verändert sich nicht nur die Beschreibung des Verhaltens, sondern auch seine Bedeutung. Aus Interesse, Lernen, Produktion, sozialer Organisation und natürlich auch Spielen wird ein Problembegriff, und dieser Problembegriff ist viel leichter weiterzugeben als die kompliziertere Geschichte dahinter.
Am deutlichsten wird das für mich bei Fehlern, die überhaupt nichts mit Interpretation zu tun haben. In einem Arztbrief steht, ich sei in einer Tagesklinik in Nürnberg gewesen. Ich war nie in Nürnberg in irgendeiner Klinik. Trotzdem existiert dieser Satz jetzt als medizinische Information über mich. Wenn jemand das Dokument liest, hat er keinen Grund anzunehmen, dass dieser Punkt falsch ist. Für die nächste Person ist es nicht „eine möglicherweise fehlerhafte Angabe in einem alten Arztbrief“, sondern zunächst einmal Teil meiner Vorgeschichte. Ich bin dann derjenige, der erklären muss, dass die Akte falsch ist.
Genau an dieser Stelle wird die Sache für mich grundsätzlich problematisch. Ein Fehler in einem Gespräch kann verschwinden. Ein Fehler in einer Akte bekommt ein Gedächtnis. Er kann kopiert, zusammengefasst und in den nächsten Bericht übernommen werden. Je öfter das passiert, desto mehr wirkt es so, als müsse etwas stimmen, weil es schließlich in mehreren Dokumenten auftaucht. Dabei können fünf spätere Dokumente am Ende nur dieselbe ursprüngliche falsche Angabe weitertragen.
Umgekehrt fehlen mir heute ausgerechnet Unterlagen aus meiner Kindheit, die für meine eigene Rekonstruktion wichtig wären. Arzt- und Diagnosebriefe sind teilweise nicht mehr erreichbar, weil der damalige Arzt nicht mehr existiert. Ich finde diesen Gegensatz schwer nachvollziehbar. Falsche Informationen können mich über Jahre begleiten, während andere Dokumente, die tatsächlich helfen könnten zu verstehen, was damals untersucht oder festgestellt wurde, irgendwann einfach nicht mehr verfügbar sind.
Meine eigene Erklärung hatte in solchen Situationen selten dasselbe Gewicht. Ich kann sagen, dass etwas anders war, dass eine Formulierung nicht stimmt oder dass ein Verhalten einen anderen Kontext hatte. Trotzdem steht da auf der anderen Seite ein Dokument. Gerade bei medizinischen oder institutionellen Kontexten hat das eine Autorität, gegen die eine Erinnerung erst einmal antreten muss. Ich verstehe, warum das so ist. Menschen erinnern sich falsch, beschönigen Dinge, verändern Erzählungen und können sich auch selbst täuschen. Genau deshalb braucht es Dokumentation. Für mich folgt daraus aber nicht, dass Dokumentation automatisch neutraler oder richtiger ist als die Person, über die dokumentiert wurde.
Was mir in meinen eigenen Unterlagen fehlt, ist viel öfter die Möglichkeit, diese beiden Ebenen nebeneinander stehen zu lassen. Ein Arzt könnte festhalten, was er beobachtet und wie er es interpretiert, und gleichzeitig deutlich machen, was ich selbst dazu gesagt habe. Bei wichtigen Aussagen könnte man vor Abschluss eines Briefes noch einmal prüfen, ob die Person korrekt wiedergegeben wurde. Nicht in dem Sinn, dass ein Patient medizinische Einschätzungen einfach wegstreichen darf, die ihm nicht gefallen. Aber bei einfachen Tatsachen, Zitaten und biografischen Angaben müsste es eigentlich selbstverständlich sein, noch einmal zu fragen: Haben Sie das so gesagt? Waren Sie tatsächlich dort? Habe ich das richtig verstanden?
Mir kann niemand erzählen, dass das grundsätzlich unmöglich wäre. Es würde Zeit kosten, natürlich. Aber die Alternative kostet ebenfalls Zeit. Nur eben später und meistens für die Person, die dann immer wieder erklären muss, warum eine Information in ihrer Akte falsch, unvollständig oder aus dem Zusammenhang gerissen ist.
Das hat bei mir über die Jahre eine Mischung aus Wut, Ohnmacht und Misstrauen erzeugt. Wenn die eigene Wahrnehmung schon einmal grundsätzlich angezweifelt wurde, liest man einen neuen Arztbrief irgendwann anders. Man schaut nicht nur, was untersucht wurde, sondern sucht auch danach, was diesmal wieder über einen geschrieben wurde. Und je öfter man Fehler findet, desto schwerer wird es, dem nächsten Dokument einfach zu vertrauen.
Ich glaube trotzdem nicht, dass die Lösung darin liegt, Akten grundsätzlich zu misstrauen. Dafür sind sie viel zu wichtig. Sie können Erinnerungen korrigieren, Entwicklungen sichtbar machen und Informationen erhalten, die man selbst längst vergessen hat. Gerade bei meiner eigenen Biografie helfen mir alte Dokumente heute an vielen Stellen dabei, Zeitlinien überhaupt wieder zusammenzubekommen. Das Problem ist nicht, dass dokumentiert wird. Das Problem entsteht dort, wo aus Dokumentation eine unanfechtbare Version der Wirklichkeit wird und nicht mehr sichtbar bleibt, wie diese Version entstanden ist.
Dass Institutionen dokumentieren müssen, ist für mich überhaupt nicht das Problem. Medizin, Schule, Behörden, Gerichte oder Betreuung könnten ohne Akten kaum vernünftig arbeiten. Menschen wechseln, Erinnerungen sind unzuverlässig, Entscheidungen müssen nachvollziehbar bleiben und Informationen dürfen nicht jedes Mal komplett neu erhoben werden. Gerade wenn sich etwas über Jahre entwickelt, kann eine Akte sehr hilfreich sein. Ich merke das heute selbst, weil ich für meine eigene Biografie alte Zeugnisse, Arztbriefe und andere Unterlagen brauche, um überhaupt noch zusammenzubekommen, was wann passiert ist und wie bestimmte Dinge damals beschrieben wurden.
Schwierig wird es dort, wo aus dieser praktischen Notwendigkeit eine Art institutioneller Wahrheitsvorsprung entsteht. Ein Dokument wirkt automatisch belastbarer als eine Erinnerung, weil es zeitnah geschrieben, datiert und von einer Fachperson erstellt wurde. Das ist nachvollziehbar. Trotzdem heißt das nicht, dass alles darin objektiv richtig ist. Auch ein Arztbrief entsteht aus einem Gespräch, aus Auswahl, Zeitdruck, Vorwissen und Interpretation. Dasselbe gilt für Schulzeugnisse oder andere institutionelle Berichte. Jemand sieht einen Ausschnitt, ordnet ihn ein und schreibt ihn in einer bestimmten Sprache auf. Später liest die nächste Person nicht mehr die ursprüngliche Situation, sondern diese bereits bearbeitete Version davon.
Dadurch kann sich etwas sehr schnell verfestigen. Wenn eine Formulierung einmal in einem Bericht steht und später übernommen wird, wirkt sie beim zweiten oder dritten Auftauchen irgendwann wie eine mehrfach bestätigte Information. Dabei kann es immer noch dieselbe ursprüngliche Aussage sein. Niemand muss bewusst etwas Falsches erfinden. Es reicht, dass übernommen wird, was schon da ist. Genau deshalb finde ich die Herkunft einer Information so wichtig. Es macht einen Unterschied, ob jemand etwas selbst beobachtet hat, ob es aus einem älteren Bericht übernommen wurde, ob es die Einschätzung einer Fachperson ist oder ob es sich um die Selbstaussage der betroffenen Person handelt.
In vielen Dokumenten verschwimmen diese Ebenen für meinen Geschmack zu stark. Eine Beobachtung bekommt eine Interpretation, die Interpretation wird später zur Diagnose oder zur festen Beschreibung, und irgendwann ist kaum noch sichtbar, wo das eigentlich angefangen hat. Wenn dann später jemand widerspricht, wirkt dieser Widerspruch schnell wie eine nachträgliche Korrektur der eigenen Geschichte, obwohl vielleicht einfach nur der ursprüngliche Eintrag falsch oder unvollständig war. Das ist eine ziemlich ungünstige Ausgangslage, weil die Person über sich selbst immer gegen etwas argumentieren muss, das bereits institutionelle Autorität besitzt.
Bei einfachen Tatsachen müsste das meiner Meinung nach viel leichter lösbar sein. Wenn in einem Brief steht, ich sei in einer bestimmten Klinik gewesen, obwohl ich dort nie war, sollte so etwas nicht jahrelang als Teil meiner Vorgeschichte weiterlaufen können. Dasselbe gilt für falsch wiedergegebene Zitate, Orte, Zeiträume oder biografische Angaben. Dafür braucht es keine große Debatte über medizinische Deutungshoheit. Man könnte vor Abschluss eines Berichts bestimmte Angaben noch einmal gegenlesen lassen oder zumindest einen klaren Weg schaffen, solche Fehler sichtbar zu korrigieren, ohne dass die ursprüngliche Fassung einfach weiter als alleiniger Referenzpunkt bestehen bleibt.
Bei Interpretationen ist es natürlich komplizierter. Ein Patient muss nicht das Recht haben, jede fachliche Einschätzung aus einem Bericht zu entfernen, nur weil sie unangenehm ist. Aber auch dort könnte klarer werden, was genau die Einschätzung der Fachperson ist und was die betroffene Person selbst dazu sagt. Es wäre für mich etwas völlig anderes, wenn in einem Bericht steht: „Der Patient beschreibt X, der Untersucher bewertet dies als Y, der Patient selbst ordnet es anders ein.“ Dann bleibt sichtbar, dass mehrere Perspektiven existieren. Wenn am Ende nur Y übrig bleibt, verschwindet die Entstehungsgeschichte dieser Aussage.
Ich glaube, genau deshalb haben Akten so viel Macht. Sie speichern nicht nur Informationen, sondern auch Hierarchien darüber, welche Perspektive in welcher Form überlebt. Die Fachsprache bleibt bestehen. Die Selbsterklärung wird oft zusammengefasst. Unsicherheit wird manchmal zu einem Satz verdichtet. Ein Widerspruch, der im Gespräch vielleicht noch ausführlich war, taucht im fertigen Dokument womöglich gar nicht mehr auf. Jahre später ist dann nicht mehr nachvollziehbar, wie sicher jemand damals überhaupt war oder wie kontrovers eine Einschätzung entstanden ist.
Das Problem lässt sich meiner Meinung nach nicht dadurch lösen, dass man Dokumentation weniger ernst nimmt. Eher im Gegenteil. Wenn Akten so wichtig sind, müsste man mit ihrer Entstehung sorgfältiger umgehen. Dazu gehört für mich, Quellen innerhalb der Akte besser zu unterscheiden, Korrekturen sichtbar mitzunehmen und veraltete Einschätzungen nicht einfach als zeitlose Eigenschaften fortzuschreiben. Eine Diagnose oder Bewertung aus einem bestimmten Lebensabschnitt kann relevant bleiben, aber sie sollte nicht automatisch jedes spätere Ereignis durch dieselbe Linse erklären.
Gerade bei Kindern ist das besonders heikel. Ein Schulzeugnis beschreibt Verhalten in einem bestimmten Alter, in einer bestimmten Klasse, unter bestimmten Bedingungen. Wenn dort Arbeitsverweigerung, Aggression oder Konzentrationsprobleme stehen, kann das wichtige Information sein. Es kann aber genauso gut sein, dass später noch andere Erklärungen hinzukommen. Wenn die alte Beschreibung dann nur noch als Bestätigung einer bereits bekannten Diagnose gelesen wird, kann leicht verloren gehen, was damals tatsächlich beobachtet wurde und was erst im Nachhinein hineininterpretiert wird.
Für mich wäre eine bessere Aktenpraxis deshalb nicht eine, in der die betroffene Person das letzte Wort über alles hat. Sie wäre eine, in der nachvollziehbar bleibt, wer was wann gesagt, beobachtet oder interpretiert hat, und in der Korrekturen nicht wie ein Angriff auf die Autorität des Dokuments behandelt werden. Eine Akte wäre dann weniger eine fertige Wahrheit über einen Menschen und mehr eine nachvollziehbare Sammlung von Perspektiven über seine Entwicklung.
Genau das fehlt mir rückblickend an vielen Stellen. Ich habe Dokumente, die mir heute helfen, und gleichzeitig Dokumente, deren Fehler ich immer wieder mit erklären muss. Ich habe alte Beschreibungen, die etwas Wichtiges festhalten, und andere, bei denen ich kaum noch sagen kann, wie aus der damaligen Situation genau diese Formulierung geworden ist. Deshalb lese ich Akten inzwischen weder als Wahrheit noch als wertloses Papier. Für mich sind sie Quellen. Wichtige Quellen, manchmal sehr gute, manchmal problematische. Und wie bei jeder anderen Quelle sollte man wissen, woher eine Aussage kommt, wie sicher sie ist und was ihr möglicherweise fehlt.
Was mich an vielen meiner Unterlagen im Nachhinein am meisten beschäftigt, ist nicht einmal, dass darin Fehler stehen. Fehler passieren. Menschen verstehen etwas falsch, schreiben unter Zeitdruck, übernehmen Angaben aus anderen Dokumenten oder erinnern sich später nicht mehr genau daran, wie ein Gespräch zustande gekommen ist. Ich halte es nicht für realistisch, irgendein System zu bauen, in dem nie wieder etwas falsch dokumentiert wird.
Entscheidend wäre für mich deshalb eher, wie ein System mit solchen Fehlern umgeht, wenn sie auffallen. Im Moment wirkt es häufig so, als wäre die Akte die feste Version und die Korrektur nur ein Zusatz, den die betroffene Person nachträglich irgendwie hineinverhandeln muss. Das ist schon strukturell schief. Wenn ein falscher Klinikaufenthalt einmal in einem Arztbrief steht, sollte ich nicht für den Rest meines Lebens derjenige sein müssen, der immer wieder erklärt, dass ich dort nie war. Die Korrektur müsste denselben institutionellen Stellenwert bekommen wie die ursprüngliche Aussage.
Das bedeutet für mich nicht, alte Dokumente nachträglich umzuschreiben, bis niemand mehr nachvollziehen kann, was damals dokumentiert wurde. Im Gegenteil. Ich finde es sinnvoll, dass sichtbar bleibt, was ursprünglich dort stand. Aber genauso sichtbar müsste sein, dass eine spätere Prüfung ergeben hat, dass dieser Punkt falsch war oder dass die betroffene Person ihm widersprochen hat. Dann wäre die Akte tatsächlich eine Entwicklungsgeschichte und nicht nur eine Sammlung von Versionen, bei denen die älteste automatisch die größte Autorität behält.
Noch problematischer wird es, wenn Unterlagen ganz verschwinden. Bei mir gibt es Arzt- und Diagnosebriefe aus der Kindheit, an die ich heute nicht mehr herankomme, weil der damalige Arzt nicht mehr existiert. Gerade diese Dokumente wären für meine heutige Rekonstruktion wichtig, weil sie zeigen könnten, was damals tatsächlich untersucht, beobachtet und diagnostiziert wurde. Ich finde es schwer nachvollziehbar, dass falsche Informationen über Jahre weitergetragen werden können, während andere Unterlagen, die für die eigene Geschichte wichtig wären, irgendwann nicht mehr erreichbar sind.
Dadurch entsteht ein merkwürdiges Gefälle. Institutionen dürfen über Jahre Informationen über einen Menschen sammeln, zusammenfassen und weiterreichen, aber der Mensch selbst hat später nicht unbedingt denselben Zugriff auf seine eigene Dokumentationsgeschichte. Genau da wird aus einem organisatorischen Problem für mich eine Machtfrage. Wer über die Akte verfügt, verfügt auch ein Stück weit darüber, welche Version der Vergangenheit verfügbar bleibt.
Ich merke das heute sehr stark, weil ich versuche, meine eigene Biografie möglichst sauber zu rekonstruieren. Ich will nicht einfach nur meiner Erinnerung glauben, gerade weil ich weiß, dass Erinnerung unzuverlässig sein kann. Deshalb suche ich Dokumente, vergleiche Zeitpunkte, prüfe alte Aussagen und versuche herauszufinden, was damals wirklich belegt ist und was nur meine heutige Interpretation davon ist. Genau dafür sind Akten wertvoll. Aber sie helfen mir nur dann wirklich, wenn ich sie ebenfalls kritisch lesen darf.
Das ist vielleicht der Punkt, den ich früher nicht so gesehen habe. Ich habe lange geglaubt, Dokumente seien entweder richtig oder falsch. Inzwischen sehe ich eher verschiedene Ebenen. Manche Angaben sind eindeutig überprüfbar. Manche sind Beobachtungen. Manche sind fachliche Einschätzungen. Manche beruhen auf dem, was ich selbst erzählt habe. Manche wurden aus älteren Unterlagen übernommen. Und manche sind schlicht Fehler. Für mich wäre viel gewonnen, wenn diese Unterschiede in institutionellen Dokumenten deutlicher sichtbar wären, statt alles in derselben Sprache festzuschreiben.
Ich glaube auch, dass das Vertrauen erhöhen würde. Wenn ich weiß, dass ich bei offensichtlichen Tatsachenfehlern nicht gegen ein Dokument kämpfen muss, sondern dass Korrektur vorgesehen ist, muss ich nicht jeden neuen Arztbrief mit dem Gefühl lesen, diesmal hoffentlich wieder nichts Falsches zu finden. Wenn meine eigene Sicht nicht automatisch als gleichwertige medizinische Einschätzung gilt, aber wenigstens nachvollziehbar dokumentiert wird, muss ich auch nicht das Gefühl haben, dass meine Perspektive komplett aus der Geschichte verschwindet.
Für mich wäre eine gute Akte deshalb nicht eine, die behauptet, endgültig zu wissen, wer ein Mensch ist. Sie wäre eine, die nachvollziehbar macht, was zu welchem Zeitpunkt bekannt war, wer etwas beobachtet oder gesagt hat, wie es damals eingeordnet wurde und was später korrigiert oder anders bewertet wurde. Das würde die Akte nicht schwächer machen. Im Gegenteil. Sie würde dadurch belastbarer, weil man ihren Entstehungsweg verstehen kann.
Genau deshalb stört mich der Satz „Das steht doch in der Akte“ inzwischen so sehr. Er klingt, als wäre damit eine Diskussion beendet. Für mich sollte er eigentlich der Anfang einer anderen Frage sein: Woher kommt diese Information, wer hat sie damals festgehalten, und ist sie heute noch genauso belastbar wie an dem Tag, an dem sie geschrieben wurde?
Ich glaube, dass sich ein Teil davon mit ziemlich einfachen Dingen verbessern ließe. Nicht mit dem Anspruch, dass jede betroffene Person jede fachliche Einschätzung freigeben muss, bevor sie in einer Akte stehen darf. Das wäre genauso problematisch. Aber bei Tatsachen, Zitaten, biografischen Angaben und zentralen Zusammenfassungen könnte man sehr viel häufiger noch einmal rückfragen, bevor ein Dokument endgültig abgelegt wird. Schon die Frage, ob ein Satz korrekt verstanden wurde oder ob ein angegebener Aufenthalt tatsächlich stattgefunden hat, würde einige Fehler verhindern, die später unnötig lange weitergetragen werden.
Auch bei strittigen Einschätzungen müsste meiner Meinung nach deutlicher sichtbar sein, dass ein Widerspruch existiert. Wenn eine Fachperson etwas anders bewertet als die betroffene Person, muss daraus nicht zwangsläufig eine gemeinsame Version werden. Aber es wäre ein Unterschied, ob in der Akte nur die fachliche Deutung stehen bleibt oder ob nachvollziehbar ist, dass es dazu eine andere Perspektive gibt. Das würde niemandem die medizinische oder institutionelle Verantwortung abnehmen. Es würde nur verhindern, dass eine Meinungsverschiedenheit später wie eine einheitlich festgestellte Tatsache aussieht.
Dazu gehört für mich auch ein vernünftiger Zugang zu den eigenen Unterlagen. Wenn Menschen Jahre später versuchen, ihre Geschichte zu verstehen, sollten sie nicht darauf angewiesen sein, ob eine einzelne Praxis noch existiert oder ob alte Dokumente zufällig irgendwo erhalten geblieben sind. Ich merke gerade selbst, wie wertvoll solche Unterlagen sein können, weil sie Dinge festhalten, die ich aus meiner Erinnerung allein nicht mehr sauber rekonstruieren könnte. Umso schwerer ist es, wenn genau an den Stellen Lücken bleiben, an denen alte Einschätzungen für das eigene Verständnis heute wichtig wären.
Vielleicht würde sich auch mein Verhältnis zu Akten verändern, wenn Korrektur nicht wie eine Ausnahme behandelt würde. Im Moment ist der Gedanke schnell: Wenn etwas einmal dokumentiert ist, muss man später gegen dieses Dokument argumentieren. Sinnvoller fände ich ein System, in dem klar vorgesehen ist, dass Wissen sich verändert, dass Fehler auffallen können und dass eine spätere Einordnung nicht automatisch weniger wert ist, nur weil sie später kommt.
Das setzt allerdings voraus, dass Widerspruch praktisch möglich ist. Ein Recht auf Berichtigung oder Stellungnahme hilft wenig, wenn niemand weiß, wie man es nutzt, wenn die zuständige Stelle nicht mehr existiert oder wenn die Korrektur irgendwo abgelegt wird, ohne dass sie bei späteren Entscheidungen tatsächlich mitgelesen wird. Genau dort wird für mich aus einer guten Regel erst eine echte institutionelle Praxis.
Ich will Akten deshalb nicht abschaffen und auch nicht so tun, als wäre die eigene Erinnerung automatisch die bessere Wahrheit. Ich möchte eher, dass Dokumentation wieder das wird, was sie eigentlich sein sollte: eine nachvollziehbare Quelle über einen bestimmten Zeitpunkt, mit einer erkennbaren Herkunft und mit der Möglichkeit, später zu ergänzen, zu widersprechen oder zu korrigieren.
Dann müsste eine Akte auch nicht so tun, als wäre sie die fertige Version eines Menschen. Sie könnte einfach dokumentieren, was damals bekannt war und wie es damals verstanden wurde.
Und das wäre für mich schon sehr viel.
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