Das stärkste Gefühl, dass meine Zeit eigentlich nicht mehr mir gehört, hatte ich während meiner letzten Arbeitsstelle auf Montage. Irgendwann kam bei mir ernsthaft der Gedanke auf, dass ich meine Miete eigentlich komplett umsonst bezahle, weil ich meine Wohnung kaum noch als eigenen Lebensraum genutzt habe. Ich war unterwegs, im Hotel oder auf der Baustelle, und selbst die Zeit dazwischen fühlte sich nicht wirklich frei an. Formal war irgendwann Feierabend, praktisch war die Baustelle trotzdem noch da.
Das fing schon mit den Fahrten an. Wenn ich vom Hotel zur Baustelle gefahren bin und später wieder zurück, war das für mich keine Freizeit. Ich war schließlich nicht aus eigenem Interesse an diesem Ort und konnte mit dieser Zeit auch nichts anfangen, was zu meinem eigenen Leben gehört hätte. Ich hätte es zumindest als deutlich fairer empfunden, wenn solche Zeiten stärker als Teil der Belastung der Montage betrachtet und entsprechend kompensiert worden wären. Stattdessen hatte ich häufig das Gefühl, dass die eigentliche Arbeitszeit nur einen Teil davon abbildet, wie viel meines Tages diese Arbeit tatsächlich beansprucht.
Nach Feierabend war dann oft ebenfalls nicht Schluss. Man sitzt mit Kollegen beim Essen und redet darüber, was am nächsten Tag auf der Baustelle gemacht werden muss, welche Probleme noch offen sind und wie man irgendetwas lösen will. Im Hotel rattert die Baustelle weiter im Kopf. Dazu kamen Anrufe von Kunden oder Dinge, um die ich mich noch kümmern sollte, obwohl ich mich teilweise gefragt habe, warum das überhaupt bei mir landet und nicht im Büro, im Lager oder bei den Leuten, deren Aufgabe es eigentlich wäre. Dadurch wurde aus einem Arbeitstag schnell ein Zustand, in dem Arbeit vom Aufstehen bis zum Schlafengehen im Kopf blieb.
Ich hatte irgendwann kaum noch Zeit für Dinge, die nur mir gehören. Wenn daneben noch Beziehung, Krisen anderer Menschen, Behördentermine oder organisatorischer Kram dazukommen, bleibt von der sogenannten Freizeit nicht mehr viel übrig. Gerade weil ich ohnehin nicht besonders gut darin bin, nach einem langen Tag einfach innerlich umzuschalten, hat mich das zusätzlich belastet. Ich konnte im Hotel sitzen und formal nichts mehr tun müssen, während mein Kopf trotzdem schon den nächsten Tag durchging. Das fühlt sich nicht wie Erholung an.
Rückblickend würde ich diese Arbeitsbedingungen auch überhaupt nicht als neurodivergenzsensibel bezeichnen. Es gab wenig Rückzug, wenig Einfluss auf den eigenen Rhythmus und kaum eine klare Trennung zwischen Arbeit und Nichtarbeit. Dazu kamen frühe Zeiten, Schlafmangel, wechselnde Situationen und ständig neue Anforderungen. Für andere mag Montage genau deshalb attraktiv sein. Für mich war es irgendwann vor allem das Gefühl, dass mein komplettes Leben um diese Arbeit herum organisiert werden musste und die Arbeit selbst gleichzeitig kaum Rücksicht darauf nahm, dass außerhalb davon auch noch ein Mensch existiert.
Deshalb empfinde ich diese zwei Jahre heute als sehr viel verlorene Lebenszeit. Das ist natürlich eine persönliche Bewertung. Ich habe dort Dinge gelernt, Erfahrungen gesammelt und Arbeit gemacht, die teilweise anspruchsvoll war und die ich auch gut konnte. Trotzdem würde ich die Zeit nicht noch einmal so investieren. Der Preis war für mich zu hoch, weil nicht nur Arbeitsstunden verkauft wurden, sondern sehr große Teile des restlichen Tages gleich mit.
Das merke ich heute besonders deutlich, weil ich inzwischen freiwillig viel mehr arbeite als damals. An katharsis.369, INNENSCHAU, der Website und der Workbench kann ich mich teilweise so lange festbeißen, dass ich mich selbst bremsen muss. Es kommt vor, dass ich im Hyperfokus zwei Nächte fast durchmache und erst danach merke, dass das vielleicht keine besonders intelligente Idee war. Von außen könnte man wahrscheinlich sagen, dass ich heute noch weniger Freizeit habe als während meiner alten Arbeitsstelle. Trotzdem fühlt es sich völlig anders an.
Der Unterschied liegt für mich nicht nur darin, dass es mein eigenes Projekt ist. Es geht darum, wofür die Zeit verschwindet und ob ich darin einen eigenen Zweck erkenne. Wenn ich heute mehrere Stunden in die Workbench investiere, dann baue ich damit unter anderem etwas, das später genau solche Probleme reduzieren soll. Ich investiere Zeit, um meine vorhandene Zeit besser organisieren zu können, Abläufe zu vereinfachen und Arbeit so zu strukturieren, dass irgendwann nicht nur ich, sondern auch andere im Team weniger Energie an unnötige Organisation verlieren. Dass die Workbench noch nicht fertig ist, ändert daran wenig. Für mich ist die investierte Zeit nachvollziehbar mit einem Ziel verbunden, das ich selbst gewählt habe.
Das heißt nicht, dass freiwillige Arbeit automatisch gesund ist. Ich kann mich genauso selbst ausbeuten wie ein Arbeitgeber mich überfordern kann. Der Hyperfokus macht Arbeit nicht automatisch zu Erholung, nur weil sie mich interessiert. Wenn ich zwei Nächte durchmache, ist mein Körper danach trotzdem müde. Der Unterschied besteht eher darin, dass ich heute zumindest selbst entscheiden kann, ob ich diesen Preis gerade bezahlen will, und dass ich die Strukturen verändern kann, wenn ich merke, dass sie nicht funktionieren.
Interessant finde ich auch, wie sich mein Verhalten verändert, sobald keine Aufgabe vorgegeben ist. In einem Angestelltenverhältnis war mein Impuls häufig, die nächste Aufgabe möglichst nicht zu sehen, wenn gerade einmal Ruhe war. Wenn es nichts zu tun gab, wollte ich diese kurze Lücke behalten. Heute passiert fast das Gegenteil. Wenn niemand etwas von mir verlangt und eigentlich nichts ansteht, sucht mein Kopf von selbst die nächste Sache, an der ich arbeiten könnte. Es gibt immer etwas zu verbessern, zu bauen, zu schreiben oder zu ordnen.
Das zeigt mir ziemlich deutlich, dass das Problem nie einfach nur Arbeit an sich war. Entscheidend ist für mich, ob ich meine Zeit als eigene Zeit erlebe. Ich kann zwölf Stunden an etwas arbeiten und trotzdem das Gefühl haben, dass ich meinen Tag selbst gestaltet habe. Ich kann aber auch deutlich weniger Stunden offiziell arbeiten und mich anschließend fühlen, als hätte der ganze Tag jemand anderem gehört.
Besonders sichtbar wird das, wenn Zeit ständig in Verpflichtungen fließt, die man nicht selbst gewählt hat. Jede zusätzliche Aufgabe fehlt irgendwo anders. Sie fehlt als Erholung, als Zeit für Beziehungen, als Zeit für eigene Projekte und manchmal auch ganz konkret finanziell, weil man unbezahlte Energie in Dinge steckt, die eigentlich zu einer anderen Zuständigkeit gehören. Einzelne Situationen sind dabei selten das Problem. Es ist die Summe. Wenn immer noch ein Anruf kommt, noch eine organisatorische Aufgabe auftaucht und nach Feierabend noch der nächste Arbeitstag besprochen wird, verschiebt sich die Grenze irgendwann so weit, dass man kaum noch merkt, wann die eigene Zeit eigentlich beginnt.
Genau deshalb sehe ich Zeit heute weniger als bloße Anzahl freier Stunden. Für mich macht es einen Unterschied, ob ich über diese Stunden verfügen kann, ob mein Kopf noch Kapazität dafür hat und ob ich selbst entscheiden kann, was damit passiert. Eine Stunde im Hotel nach einem Montagetag war auf dem Papier freie Zeit. Für mich hat sie sich häufig nicht so angefühlt. Eine Stunde heute, in der ich freiwillig noch an einem Problem arbeite, kann dagegen sehr wohl meine eigene Zeit sein, obwohl ich dabei objektiv arbeite.
Das macht die Grenze natürlich kompliziert. Auch etwas, das man selbst gewählt hat, kann irgendwann wieder das ganze Leben auffressen. Genau da muss ich mich heute selbst beobachten. Ich möchte nicht aus einer Arbeitsform herausgehen, in der ich das Gefühl hatte, meine Zeit gehöre anderen, und mir anschließend eine eigene Struktur bauen, in der ich mir selbst überhaupt keine Zeit mehr lasse. Die Freiheit, selbst entscheiden zu können, was ich mit meiner Zeit mache, bringt eben auch die Verantwortung mit, sie nicht vollständig zu verbrauchen.
Freizeit ist mehr als die Zeit nach Feierabend
Ich glaube, dass Arbeitszeit gesellschaftlich oft zu sauber gerechnet wird. Es gibt eine Uhrzeit, zu der Arbeit beginnt, eine Uhrzeit, zu der sie endet, und alles dazwischen ist Arbeitszeit. Danach beginnt Freizeit. Auf dem Papier ist das übersichtlich. Im Alltag funktioniert es deutlich weniger sauber, besonders bei Tätigkeiten, die den ganzen Tagesablauf bestimmen oder räumlich weit vom eigenen Leben entfernt stattfinden.
Montage ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn jemand für die Arbeit mehrere Tage auswärts ist, im Hotel schläft und morgens von dort zur Baustelle fährt, lässt sich diese Zeit formal in einzelne Kategorien aufteilen. Praktisch gehört der ganze Tag weiterhin zur Arbeitssituation. Man kann nicht nach Feierabend einfach nach Hause gehen, Freunde treffen, eigenen Interessen nachgehen oder spontan entscheiden, was man mit dem Abend macht. Der Ort, der Rhythmus und meistens auch die sozialen Kontakte bleiben durch die Arbeit vorgegeben. Selbst wenn einzelne Stunden rechtlich oder organisatorisch als Freizeit gelten, ist die tatsächliche Verfügung darüber eingeschränkt.
Dazu kommt die mentale Restbelastung. Arbeit endet nicht automatisch, nur weil niemand mehr eine Maschine bedient oder am Schreibtisch sitzt. Wenn Probleme vom Tag noch ungelöst sind, wenn am Abend bereits der nächste Einsatz besprochen wird oder wenn jederzeit ein Kunde anrufen kann, bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit gebunden. Man ist formal frei und gleichzeitig geistig weiter im Arbeitsmodus. Diese Zeit taucht in keiner Stundenabrechnung auf, kann aber trotzdem verhindern, dass sich Erholung überhaupt einstellt.
Gerade bei Berufen mit viel Verantwortung, wechselnden Orten oder unklaren Zuständigkeiten entsteht schnell zusätzliche Arbeit, die kaum sichtbar wird. Jemand kümmert sich noch um Material, beantwortet eine Frage, organisiert etwas für den nächsten Morgen oder löst ein Problem, das eigentlich in einen anderen Aufgabenbereich gehört. Jede einzelne Sache dauert vielleicht nur wenige Minuten. Über Wochen und Monate kann daraus trotzdem eine erhebliche Menge an Zeit werden, die immer am Rand des eigentlichen Arbeitstags verschwindet.
Ich finde deshalb den Begriff Freizeit allein zu ungenau. Entscheidend ist für mich eher verfügbare Zeit. Zeit, über die ich tatsächlich entscheiden kann und für die nicht schon im Hintergrund feststeht, dass sie gleich wieder von Arbeit, Organisation oder Erholung von Arbeit benötigt wird. Wer nach einem Arbeitstag so erschöpft ist, dass er nur noch essen und schlafen kann, hat zwar Stunden außerhalb der Arbeitszeit, aber nur einen sehr begrenzten Spielraum darin.
Das wird besonders deutlich, wenn mehrere Verpflichtungen zusammenkommen. Arbeit ist selten die einzige Struktur, die Zeit beansprucht. Dazu kommen Haushalt, Behörden, Termine, Pflege, Beziehungen, Kinder, finanzielle Organisation und viele kleine Dinge, die erledigt werden müssen, damit ein normales Leben überhaupt weiterläuft. Menschen haben deshalb sehr unterschiedliche Mengen an tatsächlich frei verfügbarer Zeit, selbst wenn ihre vertragliche Arbeitszeit identisch ist.
Auch Pendelzeit gehört für mich in diese Betrachtung. Natürlich ist nicht jede Fahrt automatisch Arbeitszeit im rechtlichen Sinn. Trotzdem ist sie Lebenszeit, die direkt durch die Arbeit gebunden wird. Wer täglich zehn Minuten zur Arbeit fährt, hat eine andere Belastung als jemand, der jeden Tag zwei Stunden unterwegs ist. Bei Montage oder auswärtigen Einsätzen wird dieser Unterschied noch größer, weil nicht nur die Fahrt, sondern häufig der gesamte Aufenthalt vom Arbeitsort bestimmt wird.
Das heißt nicht, dass jede Minute, die irgendwie mit Arbeit zusammenhängt, automatisch bezahlt werden müsste. So einfach lässt sich das nicht lösen. Aber Arbeitsbedingungen sollten meiner Meinung nach ehrlicher danach beurteilt werden, wie viel Lebenszeit sie tatsächlich beanspruchen und welche Möglichkeiten ein Mensch außerhalb der eigentlichen Tätigkeit noch hat. Eine Stelle kann auf dem Papier acht Stunden dauern und trotzdem den gesamten Tag strukturieren.
Für neurodivergente Menschen kann diese Frage noch einmal anders relevant werden. Wenn Übergänge mehr Energie kosten, Schlafrhythmen schlechter zu festen frühen Zeiten passen, Reizbelastung länger nachwirkt oder häufige Wechsel zusätzliche Verarbeitung brauchen, sagt die reine Anzahl der Arbeitsstunden wenig darüber aus, wie viel Kapazität danach noch übrig ist. Das bedeutet nicht, dass alle neurodivergenten Menschen dieselben Bedingungen brauchen. Es bedeutet nur, dass identische Arbeitszeiten nicht automatisch identische Belastung erzeugen.
Bei Selbstständigkeit dreht sich ein Teil davon um. Zeitautonomie kann enorm entlasten, weil man Aufgaben verschieben, den eigenen Rhythmus berücksichtigen und Abläufe verändern kann. Gleichzeitig verschwindet die äußere Grenze zwischen Arbeit und Freizeit noch stärker. Wenn das Projekt immer erreichbar ist und es immer noch etwas zu tun gibt, braucht niemand mehr anzurufen, um zusätzliche Arbeit in den Abend zu schieben. Man kann das selbst übernehmen.
Deshalb halte ich Selbstbestimmung inzwischen für wichtig, aber nicht für ausreichend. Die Möglichkeit, die eigene Zeit selbst zu verteilen, schützt nicht automatisch vor Überarbeitung. Sie verändert nur, wer die Entscheidungen trifft. Wer stark intrinsisch motiviert ist oder leicht in Hyperfokus gerät, kann freiwillig einen Alltag bauen, der körperlich genauso wenig Erholung enthält wie ein schlecht organisiertes Arbeitsverhältnis.
Für mich liegt die sinnvollere Frage deshalb darin, wie Arbeit mit dem restlichen Leben zusammenpasst. Bleibt nach ihr genug Zeit und Kapazität für Beziehungen, Erholung, eigene Interessen und Dinge, die keinen unmittelbaren Nutzen haben müssen? Kann jemand wirklich abschalten, oder wird nur der Ort gewechselt, während die Arbeit im Kopf weiterläuft? Und ist die Zeit außerhalb der Arbeit tatsächlich verfügbar, oder dient sie fast ausschließlich dazu, sich für den nächsten Arbeitstag wieder funktionsfähig zu machen?
Ich glaube, dass sich Arbeitsbedingungen anders bewerten würden, wenn diese Faktoren stärker berücksichtigt würden. Dann wäre ein guter Arbeitsplatz nicht nur einer mit vernünftiger Bezahlung und einer bestimmten Wochenstundenzahl. Es würde auch darum gehen, wie viel Kontrolle Menschen über ihren Alltag behalten, wie klar Zuständigkeiten begrenzt sind, wie erreichbar sie außerhalb der Arbeitszeit sein müssen und ob Erholung tatsächlich möglich bleibt.
Das ist für mich inzwischen der entscheidende Unterschied. Arbeit darf Zeit kosten. Sie sollte aber nicht stillschweigend den gesamten Rest des Tages mitbesitzen.
Zeit zurückzubekommen heißt nicht, nichts mehr zu tun
Seit ich selbstständiger arbeite, merke ich stärker, dass Zeitautonomie für mich nicht bedeutet, möglichst wenig zu arbeiten. Eher das Gegenteil. Ich arbeite oft sehr viel, aber ich kann besser unterscheiden, ob ich diese Zeit gerade bewusst investiere oder ob sie mir einfach weggenommen wird. Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied. Wenn ich an etwas sitze, das ich selbst gewählt habe und dessen Sinn ich verstehe, fühlt sich selbst ein langer Arbeitstag anders an als ein deutlich kürzerer Tag, der vollständig durch fremde Vorgaben, Wege, Erreichbarkeit und organisatorischen Kleinkram bestimmt wird.
Das heißt nicht, dass jede selbstgewählte Arbeit automatisch gute Zeit ist. Ich merke regelmäßig, dass ich mich dabei selbst überholen kann. Wenn ich im Hyperfokus bin, kann ich sehr lange weiterarbeiten, obwohl der Punkt, an dem Erholung sinnvoll gewesen wäre, längst überschritten ist. In solchen Phasen hilft mir die Tatsache, dass niemand mich zwingt, nur begrenzt. Mein Körper macht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Überarbeitung durch einen Arbeitgeber und Überarbeitung, die ich mir selbst organisiert habe.
Genau deshalb interessiert mich heute auch nicht mehr nur die Frage, wer über meine Zeit entscheidet. Ich muss genauso darauf achten, was ich selbst damit mache. Die Freiheit, nachts zu arbeiten, weil ich dann konzentrierter bin, ist für mich wertvoll. Zwei Nächte hintereinander kaum zu schlafen, nur weil ich gerade nicht aufhören will, ist trotzdem keine besonders gute Nutzung dieser Freiheit. Selbstbestimmung löst das Problem also nicht vollständig. Sie verschiebt einen Teil der Verantwortung zu mir.
Bei der Workbench denke ich darüber ziemlich oft nach. Im Moment kostet sie noch Zeit. Ich stecke Stunden in etwas, das mir noch keine Stunden zurückgibt, weil es noch nicht fertig ist. Trotzdem sehe ich darin eine bewusste Investition. Wenn Abläufe später klarer werden, Informationen nicht ständig gesucht werden müssen, Aufgaben vernünftig verteilt sind und bestimmte wiederkehrende Dinge automatisiert oder zumindest besser strukturiert laufen, kann aus dieser investierten Zeit tatsächlich wieder verfügbare Zeit entstehen. Nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen, die mit dem System arbeiten.
Das ist für mich ein anderer Umgang mit Effizienz als die Vorstellung, aus jeder Stunde möglichst viel Leistung herauszupressen. Ich möchte nicht noch effizienter werden, damit ich anschließend einfach noch mehr Aufgaben in denselben Tag bekomme. Interessanter wäre, unnötige Arbeit tatsächlich zu entfernen. Wenn ein Prozess eine Stunde weniger braucht, sollte diese Stunde nicht automatisch mit der nächsten Aufgabe gefüllt werden müssen. Sonst organisiert man nur eine schnellere Form desselben Zustands.
Gerade das fällt mir selbst schwer. Mein Kopf findet zuverlässig etwas, das noch verbessert werden könnte. Eine Seite kann überarbeitet werden, ein Prozess ist noch nicht sauber genug, irgendwo fehlt eine Funktion, ein Text könnte weitergeführt werden. Ein eigenes Projekt hat keinen natürlichen Endpunkt am Feierabend. Es gibt keinen Moment, an dem objektiv alles erledigt ist. Deshalb muss eine Grenze irgendwann von mir kommen, und genau das ist wahrscheinlich der Teil von Selbstständigkeit, den ich noch lernen muss.
Ich möchte langfristig jedenfalls nicht wieder in einer Situation landen, in der mein gesamter Alltag nur noch darum gebaut ist, funktionsfähig zu bleiben. Ob derjenige, der diesen Zustand verursacht, ein Arbeitgeber ist oder ich selbst, ändert am Ergebnis irgendwann wenig. Wenn Schlaf, Beziehungen, Essen, Erholung und alles, was keinen unmittelbaren Projektwert hat, dauerhaft nur noch zwischen Arbeitsblöcke geschoben werden, ist die Zeitautonomie theoretisch vorhanden und praktisch trotzdem wieder verschwunden.
Vielleicht ist deshalb nicht jede produktive Stunde automatisch gut genutzt und nicht jede unproduktive Stunde verschwendet. Ich muss das selbst immer wieder neu lernen, weil mein Verhältnis zu Arbeit stark davon geprägt ist, Dinge lösen und fertig bekommen zu wollen. Aber Zeit, in der nichts produziert wird, kann trotzdem wichtig sein. Nicht als Belohnung dafür, dass vorher genug gearbeitet wurde, sondern weil ein Leben irgendwann mehr enthalten muss als die Wiederherstellung der eigenen Arbeitsfähigkeit.
Rückblickend ist das wahrscheinlich auch der größte Unterschied zu meiner Montagezeit. Dort hatte ich häufig das Gefühl, dass der Rest meines Lebens nur noch um die Arbeit herum organisiert wird. Heute kann ich zumindest versuchen, die Arbeit um mein Leben herum zu organisieren. Das gelingt mir noch lange nicht immer, aber die Richtung ist eine andere.
Wenn ich deshalb heute frage, wem meine Zeit gehört, suche ich keine Antwort, nach der jede Minute nur noch mir selbst dienen muss. Beziehungen brauchen Zeit, Arbeit braucht Zeit, gemeinsame Projekte brauchen Zeit und manchmal brauchen auch andere Menschen meine Zeit. Entscheidend ist für mich eher, ob ich in dieser Verteilung selbst noch vorkomme und ob ich Einfluss darauf habe, was dauerhaft aus meinem Tag wird.
Ich will meine Zeit nicht vollständig von Verpflichtungen befreien. Ich will nur nicht noch einmal zwei Jahre brauchen, um zu merken, dass in meinem eigenen Alltag kaum noch etwas übrig geblieben ist, das tatsächlich mir gehört.
→ Als Nächstes: Ein Widerspruch ist nur dann ein Recht, wenn du ihn auch nutzen kannst