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Was Neurodivergenz eigentlich bedeutet

Neurodivergenz ist keine medizinische Diagnose und keine verbindliche Taxonomie. Der Begriff wird in Forschung, Fachdebatten, Communitys und persönlicher Selbstbeschreibung unterschiedlich verwendet.

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Bei mir treffen zwei unterschiedliche Ebenen aufeinander: AuDHS, seit früher Kindheit da, auch wenn die Diagnose erst spät kam, und meine derzeit unbestätigte Hypothese, dass belastende Erfahrungen komplexe Traumafolgen hinterlassen haben. Für beides wird mitunter das Wort „neurodivergent“ verwendet. Das macht aus der Hypothese keine Diagnose und aus zwei unterschiedlichen Ebenen keine gemeinsame medizinische Kategorie. Entscheidend ist deshalb, offenzulegen, ob von einem engen entwicklungs- und forschungsbezogenen Gebrauch oder von einer breiteren Community- und Selbstbeschreibung die Rede ist.

Vier Ebenen zur Begriffsklärung

Woher der Begriff kommt, was er nicht behauptet, wie zwei Verwendungsweisen auseinandergehen und wo meine Hypothese zu komplexen Traumafolgen in dieser Selbstbeschreibung steht.

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Herkunft: kein medizinischer Fachbegriff

Neurodiversität bezeichnet zunächst schlicht, dass menschliche Nervensysteme und kognitive Profile variieren, eine Tatsache über eine Population, nicht über eine einzelne Person. Neurodivergent bezeichnet dagegen eine Person, deren Wahrnehmung, Kognition oder Selbstregulation deutlich von gesellschaftlich angenommenen neurotypischen Normen abweicht.

Der Begriff entwickelte sich Ende der 1990er im Umfeld autistischer Selbstvertretung und mehrerer Beteiligter. Judy Singer prägte die frühe Debatte mit, der Begriff lässt sich aber nicht sauber als Einzelerfindung zuschreiben. Ursprünglich war er kein Diagnosebegriff, sondern ein sozial- und behindertenpolitisches Gegenkonzept zur reinen Defizitperspektive. Heute existieren mehrere, teilweise konkurrierende Lesarten, von eng autismusspezifisch bis breit auf neurologische und psychiatrische Vielfalt bezogen.

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Was der Begriff bewusst nicht behauptet

Drei Unterscheidungen halte ich für den ganzen Rest entscheidend. Erstens: Neurodiversität ist kein Synonym für Gesundheit, eine neurodivergente Konstitution kann Stärken, Behinderung, Leiden und Hilfebedarf gleichzeitig umfassen. Zweitens: Neurodivergenz ist keine ICD- oder DSM-Diagnose, es gibt keinen klinischen Test und keinen Grenzwert dafür. Drittens: Das Paradigma ist normativ und deskriptiv zugleich, es beschreibt Unterschiede, fordert aber auch Autonomie und Schutz vor unnötiger Normalisierung.

Aus eigener Erfahrung: Der Begriff hat mir am Anfang vor allem als Erleichterung gedient, endlich ein Wort für etwas, das ich vorher nur als „falsch funktionieren" kannte. Erst später wurde mir klar, dass er kein Freifahrtschein ist, Leiden und Hilfebedarf verschwinden dadurch nicht.
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Zwei Verwendungsweisen, keine feste Taxonomie

Die folgende Trennung beschreibt zwei Gebrauchskontexte. Sie legt weder eine offizielle Kategorienliste noch eine medizinische Gleichsetzung fest.

KontextEnger entwicklungs- und forschungsbezogener GebrauchBreitere Community- und Selbstbeschreibung
BezugKnüpft an die Geschichte autistischer Selbstvertretung und an früh beginnende Entwicklungsprofile an.Wird von manchen Menschen und Communitys weiter für unterschiedliche Abweichungen von angenommenen neurologischen oder kognitiven Normen verwendet.
FunktionHilft, einen Forschungs- oder Fachdiskurs einzugrenzen. Der Begriff selbst bleibt trotzdem keine Diagnose.Kann Zugehörigkeit, politische Position oder persönliche Erfahrung ausdrücken. Der genaue Umfang variiert je nach Person und Community.
GrenzeErzeugt keine allgemein verbindliche Liste neurodivergenter Diagnosen.Ersetzt keine klinische Klassifikation und macht unterschiedliche Diagnosen oder Erfahrungen nicht medizinisch gleich.

In meiner eigenen Einordnung steht AuDHS dem engeren entwicklungsbezogenen Gebrauch nahe. Wenn ich mögliche komplexe Traumafolgen überhaupt mit diesem Wort beschreibe, dann nur als persönliche Zuordnung im breiteren Gebrauch. Daraus folgt weder eine Diagnose noch eine klinische Einordnung als neurodevelopmental oder eine Gleichsetzung beider Erfahrungen.

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Wo mögliche komplexe Traumafolgen in meiner Selbstbeschreibung stehen

Bei mir liegt bislang keine gesicherte Diagnose einer kPTBS vor. Ich behandle komplexe Traumafolgen deshalb als Erkenntnis- und Forschungshypothese, nicht als feststehende Erkrankung. kPTBS ist klinisch außerdem keine neurodevelopmentale Störung. Im breiteren Community-Gebrauch kann eine Person Traumafolgen dennoch in ihre eigene neurodivergente Selbstbeschreibung einbeziehen. Das bleibt eine persönliche oder sozialpolitische Begriffsverwendung, keine medizinische Neuklassifikation.

Richtig ist: Chronischer Stress und Trauma können Lernen, Gedächtnis, autonome Regulation und funktionelle Netzwerknutzung langfristig verändern. Nicht ableitbar ist, dass jede kPTBS eine einheitliche, im Scan sichtbare „neue Gehirnverdrahtung" besitzt, oder dass angeborene Neurodivergenz und Traumafolgestörung dasselbe wären. Neuroplastizität ist außerdem universell, auch Psychotherapie, Lernen, Elternschaft oder Schlafmangel verändern das Gehirn. Eine plastische Veränderung allein begründet deshalb noch keine eigene Kategorie.

Zwei verschiedene Verhältnisse zum Begriff

Beides gehört zu meiner Geschichte, jedoch aus unterschiedlichen Gründen.

AuDHS

Entwicklungsbezogene Einordnung

Steht dem engeren entwicklungs- und forschungsbezogenen Gebrauch nahe. Das Wort Neurodivergenz ist trotzdem keine zusätzliche Diagnose.

kPTBS

Persönliche Begriffsverwendung

Kann in einer breiteren Selbstbeschreibung mitgemeint sein. Das macht kPTBS weder neurodevelopmental noch medizinisch gleichbedeutend mit AuDHS.

Neuroplastizität

Universal, keine eigene Kategorie

Verändert Gehirne bei praktisch jeder Lern- und Belastungserfahrung, begründet für sich allein keine Diagnose und keine Identität.

Der Begriff hat mir eine Sprache gegeben. Er hat mir aber nicht die Arbeit abgenommen, genau hinzuschauen, welches Wort wofür eigentlich steht.

Quellen und Einordnung

Die Auswahl nennt zentrale Quellen für die fachlichen Aussagen dieses Artikels. Persönliche Erfahrungen und Einordnungen werden dadurch nicht zu allgemeinen medizinischen Aussagen.

  1. Jaarsma & Welin (2012): Autism as natural human variation and the neurodiversity movement
  2. Leadbitter et al. (2021): Autistic self-advocacy and the neurodiversity movement
  3. Botha et al. (2024): Language use in autism research – systematic review