Bei einem Projekt wie INNENSCHAU hängen Daten, Geschäftsmodell und Vertrauen ziemlich direkt miteinander zusammen. Je persönlicher die Informationen werden, mit denen ein System arbeitet, desto größer wird auch die Verantwortung dafür, wofür diese Informationen später verwendet werden. Für mich ist deshalb klar, dass persönliche Daten nicht irgendwann stillschweigend zu einer zweiten Einnahmequelle werden dürfen.
Wenn jemand in INNENSCHAU über psychische Belastungen, Beziehungen, Diagnosen, Arbeitsprobleme, Schlaf, Gewohnheiten oder andere persönliche Themen spricht, entstehen daraus Informationen, die einen sehr detaillierten Eindruck über einen Menschen vermitteln können. Genau diese Informationen sind für Werbeprofile extrem wertvoll. Für mich wäre es trotzdem falsch, ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit zum Teil des Geschäftsmodells zu machen.
Ich möchte deshalb keine Architektur, in der aus persönlichen Reflexionsdaten Interessenprofile entstehen, die später für Werbung, Targeting oder den Verkauf an Dritte genutzt werden. Dass sich so etwas technisch machen ließe, ist für mich kein Argument dafür. Gerade weil INNENSCHAU langfristig sehr viel über einen Menschen wissen könnte, muss die Grenze dort besonders klar sein.
Das bedeutet nicht, dass katharsis.369 keine eigenen Angebote zeigen darf. Wenn wir eine Dienstleistung, eine Softwarefunktion oder ein eigenes Produkt haben, können wir darüber informieren. Wichtig ist für mich nur, dass erkennbar bleibt, wann es sich um unser eigenes Angebot handelt und warum es an einer bestimmten Stelle auftaucht. Eine persönliche Analyse sollte nicht heimlich zum Verkaufsfunnel werden, in dem jede schwierige Beobachtung automatisch auf ein kostenpflichtiges Produkt hinausläuft.
Dasselbe gilt für redaktionelle Inhalte. Wenn ich auf der Website über ein Thema schreibe, soll der Inhalt nicht davon abhängen, ob ein Unternehmen dafür bezahlt hat. Kooperationen können grundsätzlich sinnvoll sein. Sie dürfen nur nicht dazu führen, dass sich eine fachliche oder redaktionelle Aussage verändert, weil der wirtschaftliche Partner ein bestimmtes Ergebnis erwartet.
Für mich gehört deshalb zu werbefrei auch mehr als nur „keine Banner“. Ein Bereich kann vollkommen ohne klassische Werbung aussehen und trotzdem stark durch wirtschaftliche Interessen beeinflusst sein. Wenn Empfehlungen gekauft werden können, wenn bestimmte Produkte besser dargestellt werden, weil dafür Geld fließt, oder wenn Kritik an einem Partner aus wirtschaftlichen Gründen verschwindet, wäre das für mich genauso problematisch.
Gerade beim Human Companion Layer wird diese Frage später konkret werden. Wenn INNENSCHAU eine Fachperson empfiehlt, möchte ich nicht, dass der Nutzer sich fragen muss, ob diese Empfehlung fachlich sinnvoll ist oder ob wir an genau dieser Vermittlung am meisten verdienen. Vermittlung kann irgendwann durchaus eine wirtschaftliche Leistung sein. Dann muss aber transparent bleiben, wie Empfehlungen zustande kommen und welche finanziellen Beziehungen bestehen.
Dasselbe gilt für Fachpersonen selbst. Ein Coach, eine Therapeutin, ein Arzt oder eine andere professionelle Begleitung soll nicht dadurch Teil von katharsis.369 werden, dass die eigene fachliche Unabhängigkeit aufgegeben werden muss. Eine Partnerin darf sagen, dass eine Funktion von INNENSCHAU aus ihrer Sicht nicht funktioniert. Ein Coach darf an eine andere Stelle weiterverweisen. Eine Fachperson muss keine unserer Hypothesen übernehmen, um mit uns zusammenarbeiten zu können.
Ich halte diese Unabhängigkeit gerade deshalb für wichtig, weil sonst sehr schnell ein geschlossenes System entstehen kann. Das Unternehmen entwickelt eine Methode, vermittelt die passenden Fachpersonen, kontrolliert die Daten, definiert die Interpretation und verdient an jedem weiteren Schritt. Wirtschaftlich wäre so etwas wahrscheinlich attraktiv. Strukturell wäre es genau die Art von Machtkonzentration, die ich bei diesem Projekt vermeiden möchte.
Auch eigene wirtschaftliche Interessen müssen deshalb benennbar bleiben. Wenn wir an einer Buchung verdienen, soll das kein Geheimnis sein. Wenn ein Angebot von uns selbst stammt, soll es als solches erkennbar sein. Wenn eine Kooperation besteht, die für die Einordnung relevant ist, gehört diese Information dazu. Transparenz löst mögliche Interessenkonflikte nicht automatisch, aber ohne Transparenz lassen sie sich kaum sinnvoll beurteilen.
Für mich gilt das auch intern. Natürlich gibt es Situationen, in denen wirtschaftliche Entscheidungen gegen andere Wünsche stehen. Ein Produkt muss finanziert werden. Server, Entwicklung, Infrastruktur und Arbeitszeit kosten Geld. Irgendwann kann es notwendig sein, eine Funktion zu bepreisen, obwohl es schöner wäre, alles kostenlos anzubieten. Solche Entscheidungen sind für mich nicht automatisch unethisch. Entscheidend ist, ob wir anfangen, Nutzerverhalten gezielt so zu manipulieren, dass Menschen mehr kaufen, länger bleiben oder mehr Daten preisgeben, als sie eigentlich wollten.
Ich möchte langfristig lieber ein Produkt bauen, dessen wirtschaftlicher Wert aus seiner tatsächlichen Leistung entsteht. Wenn jemand für Software bezahlt, soll er Software bekommen, die ihm etwas bringt. Wenn jemand für eine Dienstleistung bezahlt, soll klar sein, was dafür geleistet wird. Wenn wir eine Vermittlungsinfrastruktur aufbauen, kann auch diese einen Preis haben. Der Umsatz soll möglichst an einer realen Leistung hängen und nicht daran, dass persönliche Unsicherheit möglichst gut monetarisiert wird.
Das betrifft auch die Versuchung, Daten für Produktentscheidungen möglichst grenzenlos auszuwerten. Natürlich brauchen wir Nutzungsdaten, um Software zu verbessern. Trotzdem ist nicht jede technisch mögliche Analyse automatisch notwendig. Zwischen der Frage, ob eine Funktion häufig abstürzt, und der Frage, welche persönlichen Themen ein Nutzer nachts um drei in ein Reflexionsmodul schreibt, liegt ein ziemlich großer Unterschied.
Deshalb sollen auch Produktanalyse, persönliche Inhalte und Forschung getrennte Zwecke bleiben. Wenn wir später mit anonymisierten oder freiwillig freigegebenen Daten forschen, braucht das eine eigene Grundlage. Die Tatsache, dass jemand INNENSCHAU nutzt, ist keine pauschale Zustimmung dazu, dass sämtliche persönlichen Informationen anschließend Forschungsdaten werden.
Ich glaube, dass genau an solchen Stellen sichtbar wird, ob Open Architecture praktisch etwas bedeutet oder nur eine schöne Seite auf der Website ist. Solange keine wirtschaftlichen Interessenkonflikte existieren, ist es relativ einfach, hohe Prinzipien zu formulieren. Relevant werden sie dann, wenn eine lukrative Möglichkeit auftaucht, die technisch machbar wäre und trotzdem nicht zu dem passt, was wir vorher öffentlich behauptet haben.
Dann muss im Zweifel auch die Möglichkeit bestehen, Geld liegenzulassen.
Nicht aus moralischer Reinheit, sondern weil ein Geschäftsmodell, das langfristig vom Vertrauen der Nutzer lebt, dieses Vertrauen nicht gleichzeitig als Ressource behandeln kann, die möglichst vollständig ausgeschöpft werden soll.