Ich bin jetzt eine Spielfigur.
Ich habe heute ein Spiel über mein eigenes Leben gemacht. Das ist inzwischen ein Satz, den ich offenbar einfach so hinschreiben kann. „Laurin gegen die Realität“ heißt es. Die erste Episode ist veröffentlicht und auf meiner Website spielbar.
Die Idee war, etwas Kleines aus meiner Lebensgeschichte zu machen. Absurd humorvoll, ironisch und zynisch. Ich wollte selbst darin vorkommen, mit meinem Namen und dem ganzen Widerspruch, der zu meinem Alltag gehört. Beim Ausarbeiten habe ich irgendwann zurückgeschrieben, dass es wirklich so sei, als würde da mein Leben beschrieben. Was angesichts der Grundlage nicht besonders überraschend ist. Trotzdem ist es etwas anderes, die eigenen Erfahrungen plötzlich als Material für ein Spiel vor sich zu haben.
Dinge, über die ich sonst schreibe, die mich beschäftigen oder aus denen ich versuche, etwas für INNENSCHAU abzuleiten, bekommen auf einmal eine andere Form. Und ich erkenne mich darin wieder. Das war mir wichtig. Es sollte schon mein Leben bleiben, auch wenn wir es für das Spiel verdichten und überzeichnen.
Ich kann mich sehr lange mit komplexen Dingen beschäftigen. Ich entwickle Software, recherchiere und arbeite daran, aus diesem ganzen Projekt eine Selbstständigkeit zu machen. Gleichzeitig gibt es alltägliche Anforderungen, bei denen ich Unterstützung brauche oder die mich sehr viel Kraft kosten. Dass ich das eine kann, macht das andere nicht weniger schwierig. Genau diese Gleichzeitigkeit wollte ich im Spiel haben.
Darüber habe ich schon viel geschrieben. Heute wollte ich ausprobieren, was passiert, wenn man daraus ein Spiel macht. Die absurde Form passt für mich auch deshalb, weil einiges von dem, was ich erlebt habe, schon in der normalen Beschreibung ziemlich merkwürdig klingt. Man muss gar nicht überall noch etwas draufsetzen. Teilweise reicht es, die Erwartungen nebeneinanderzustellen und zu schauen, was dann eigentlich von einem Menschen verlangt wird.
Ich gehöre selbst zu dieser Geschichte. Ich bin darin nicht der vernünftige Erzähler, der nachträglich über allen anderen steht. Man spielt mich, also gehört auch meine Art, Dinge anzugehen, dazu. Einschließlich dieses Hangs, sich mit einer Schwierigkeit so ausführlich zu beschäftigen, dass daraus irgendwann ein eigenes Projekt wird. Dass ich jetzt ein Spiel darüber gemacht habe, passt da durchaus ins Bild.
Ich wollte über mich selbst lachen können, ohne mich auf das zu reduzieren, was schwierig ist. Und ich wollte die Absurdität zeigen können, ohne jedes Mal erst meine vollständige Lebensgeschichte erklären zu müssen. Mir gefällt an Humor, dass man eine Situation zunächst komisch finden kann und anschließend merkt, dass einen daran noch etwas anderes beschäftigt. Vielleicht erkennt jemand auch etwas wieder, das er selbst schon erlebt hat und bisher nur schwer erklären konnte.
Ob das bei anderen so funktioniert, weiß ich noch nicht. Bei mir war diese Wiedererkennung während des Ausarbeitens jedenfalls da. Mir ist dabei wichtig, dass es meine Perspektive bleibt. Ich kann daraus keine allgemeine Erfahrung aller Menschen mit ADHS oder Autismus machen. Ich kann erzählen, wie ich Dinge erlebe, was mir auffällt und worüber ich mich lustig machen möchte.
Dass andere Menschen manches anders sehen, gehört dazu. Nur weil ich die Geschichte selbst schreibe, habe ich nicht automatisch in jeder Situation recht. Diese Frage hat mich in meinen bisherigen Texten schon beschäftigt. Sie verschwindet nicht dadurch, dass ich jetzt zur Spielfigur werde.
Im Laufe des Tages haben wir die Idee weiter ausgearbeitet und an Codex zur Umsetzung gegeben. Dazu kam dann auch die Musik. Ich wollte Chiptune. Erst hatte ich ein bestimmtes Lied als Ausgangspunkt im Kopf, dann haben wir uns für eigene Entwürfe entschieden. Die haben mir richtig gut gefallen.
Das gehört für mich zu den schönen Dingen an dem, was heute entstanden ist. Am Anfang steht eine Idee, über die wir reden. Dann werden daraus Texte, ein Spiel und Musik. Irgendwann kann ich es öffnen und anderen zeigen. Bei INNENSCHAU beschäftige ich mich oft mit sehr großen Zusammenhängen und einer entsprechend langen Entwicklung. Heute ist etwas entstanden, das schon ausprobiert werden kann.
Damit gibt es auf der Website auch eine weitere Möglichkeit, etwas von mir und meiner Arbeit kennenzulernen. Wobei ich das Spiel nicht gleich wieder mit irgendeinem großen Anspruch beladen möchte. Es darf einfach Spaß machen. Man darf darüber lachen, Stellen merkwürdig finden und mir sagen, wenn etwas nicht funktioniert oder der Humor nicht ankommt.
Ich habe es heute veröffentlicht, weil ich möchte, dass ihr es ausprobiert. Mich interessiert, ob ihr euch darin wiederfindet und wie diese Form auf euch wirkt. Die konkreten Situationen erzähle ich hier bewusst nicht vorab. Die könnt ihr selbst entdecken.
Ich bin jetzt also auch eine Spielfigur. Mal sehen, wie ihr mit mir zurechtkommt.