Das vermaledeite Formular ist ausgefüllt
Ich habe ein Gewerbe angemeldet. Diesen Satz kann ich jetzt tatsächlich schreiben. Das vermaledeite Formular ist ausgefüllt, die Systemkritik überwunden. Ich habe mich durch die Felder geklickt, Angaben gemacht und Dinge bestätigt. Irgendwann war der Punkt erreicht, den ich wahrscheinlich wochenlang gleichzeitig vorbereitet und vor mir hergeschoben habe: Das hier ist jetzt nicht mehr nur irgendein Projekt, an dem ich nachts herumbaue, sondern ein angemeldetes Gewerbe.
Erstaunlicherweise hat sich das eher surreal als triumphal angefühlt. Als hätte ich gerade irgendeinen kleinen Verwaltungsschritt erledigt, während im Hintergrund ein Ding entstanden ist, dessen tatsächliche Größe ich selbst langsam nicht mehr vollständig überblicke.
Seit dem letzten Spureneintrag ist ein bisschen was eskaliert
Vor ein paar Tagen war die KATHARSIS WORKBENCH noch vor allem die Antwort auf ein sehr persönliches Problem: Mein eigener Arbeitsprozess wurde so komplex, dass ich angefangen habe, Software zu bauen, um meinen Arbeitsprozess überhaupt noch organisieren zu können. Inzwischen ist daraus deutlich mehr geworden.
Die lokale Grundlage steht. Danach kamen die Grundlagen für Teamzugänge und mobile Nutzung. Die Datenbankmigration wurde abgesichert. Identitäten, Sitzungen und Rollenrechte wurden implementiert. Es gibt inzwischen eine richtige Zugriffsmatrix, damit nicht einfach jeder alles sehen und verändern kann. Ein Teamchat und die technische Grundlage für Zusammenarbeit kamen dazu. Die PWA und ihre Deployment-Struktur wurden vorbereitet. Migrationstools wurden geprüft. Ein gemeinsames Focus Board wurde integriert. Die Produktbereiche wurden enger miteinander verbunden, sodass die Workbench inzwischen als lokale Team-Beta tatsächlich durchgängig getestet werden kann.
Dazu kam ein eigener Projektbereich. INNENSCHAU steht dort mit Priorität 0. Und aus Hosting als theoretischer Punkt auf irgendeiner Aufgabenliste wurde ebenfalls etwas Reales. Der OVHcloud-VPS läuft nicht mehr unter „irgendwann brauchen wir einen Server“. Er ist gebucht und bezahlt. Plötzlich kosten meine Architekturentscheidungen echtes Geld. Das macht Dinge erstaunlich konkret.
Parallel dazu wurde die Entscheidung getroffen, Quellcode-OS V3 wirklich sauber neu zu bauen. Kein weiterer Versuch, historisch gewachsenen Code irgendwie so lange zu reparieren, bis er aussieht wie das System, das ich eigentlich haben will. Clean Slate. Alte Implementierungen dürfen erklären, was wir gelernt haben. Sie bestimmen aber nicht mehr, wie die neue Architektur aussehen muss.
Auch INNENSCHAU selbst ist währenddessen weiter gewachsen. Identify und Explain wurden weiter ausgebaut, Sicherheitslogiken ergänzt. Die Explorationsschicht wächst, die Symbolerkennung bekommt reale Anwendungspfade. Datenherkunft, Unsicherheit, Einwilligung, Gegenbelege und menschliche Kontrollpunkte sind inzwischen keine abstrakten Prinzipien mehr, sondern Architekturentscheidungen, die sich durch das System ziehen.
Daneben entsteht die öffentliche Ebene mit Website, Dokumentation, Finanztransparenz, Entwicklungsprotokollen, Teamstrukturen, Content, Produkten und Angeboten. Die ersten kleinen Leistungen, mit denen aus dem ganzen System irgendwann Einnahmen entstehen sollen, wurden konkretisiert. Jetzt kommt das Gewerbe dazu.
Ich denke ungefähr zwanzigmal am Tag darüber nach, alles hinzuschmeißen
An die Idee glaube ich weiterhin. Nicht mehr daran zu glauben wäre wahrscheinlich einfacher. Je genauer ich verstehe, was ich bauen will, desto deutlicher sehe ich, wie groß es ist. Ich will bei INNENSCHAU nicht einfach irgendeine App bauen, die dir fünf Fragen stellt, drei bunte Balken ausspuckt und anschließend behauptet, sie hätte dich verstanden.
Wenn ich etwas über Menschen ableite, will ich wissen, woher diese Ableitung kommt. Unsicherheit soll sichtbar sein, Gegenbelege sollen zugelassen werden und verschiedene Perspektiven nebeneinanderstehen können. Ein interessanter Zusammenhang darf nicht plötzlich zu einer Wahrheit über einen Menschen werden. Ich will persönliche Daten nicht einfach sammeln, nur weil man sie später vielleicht gebrauchen könnte, und Exploration ermöglichen, ohne Menschen Bedeutungen einzureden. Das System soll tief gehen können und trotzdem sagen: „Keine Ahnung. Dafür haben wir gerade nicht genug Informationen.“
Als Prinzip klingt das alles vernünftig. In Software übersetzt bedeutet jeder dieser Sätze allerdings Datenmodelle, Zustände, Rechte, Schnittstellen, Benutzeroberflächen, Tests, Sonderfälle und Entscheidungen darüber, was passieren soll, wenn irgendetwas nicht wie vorgesehen funktioniert. Irgendwann sitze ich dann vor diesem System und denke: Was zum Teufel habe ich da eigentlich angefangen?
Manchmal fühlt es sich wirklich an, als würde mein Gehirn im Kopf schmelzen. Was möglicherweise auch daran liegt, dass Schlaf in den letzten Wochen nicht unbedingt zu den am stärksten priorisierten Systemkomponenten gehört hat.
Der Publisher bin ich
In der Spielebranche gibt es dafür einen ziemlich passenden Begriff: Crunch.
Ein Publisher setzt einen Termin, das Spiel muss fertig werden, aber der Termin ist eigentlich nicht mehr realistisch. Also arbeiten alle noch mehr, auch nachts und am Wochenende, für noch einen Bug, noch einen Build und noch dieses eine Feature.
Bei mir hat diese Analogie nur ein kleines organisatorisches Problem: Es gibt keinen Publisher. Der Idiot bin ich selbst. Niemand sitzt hier und sagt mir, dass INNENSCHAU nächste Woche fertig sein muss. Niemand zwingt mich, nachts noch eine Architekturentscheidung zu prüfen, und niemand hat mir eine Release-Deadline gesetzt.
Ich will das Ding einfach selbst benutzen. Ich will wissen, ob das, was bisher größtenteils in meinem Kopf, in Dokumenten, Datenmodellen, Gesprächen und inzwischen erschreckend vielen Git-Commits existiert, tatsächlich funktionieren kann. Ich möchte es aufmachen, damit arbeiten und es anderen Menschen zeigen können. Jedes Mal, wenn ein Teil funktioniert, sehe ich ungefähr fünf neue Dinge, die dadurch plötzlich möglich werden. Das ist gleichzeitig das Geilste und das Gefährlichste an diesem Projekt.
Heute ist es trotzdem realer geworden
Weder die App noch die Workbench, Quellcode-OS, die Website oder die Forschungsarbeit sind fertig. Eigentlich ist fast nichts von dem, was ich bauen will, in einem Zustand, bei dem ich das ernsthaft sagen würde.
Aber heute habe ich ein Gewerbe angemeldet. Dieser lächerlich unspektakuläre Verwaltungsvorgang markiert trotzdem etwas. Aus einer Idee wurden Recherche, Dokumentation, Architektur und Code. Dann kamen die Website, ein Team, Infrastruktur und echte laufende Kosten, schließlich die ersten konkreten Angebote. Jetzt existiert dazu auch ein Gewerbe.
Vielleicht muss ich nicht jeden Tag die komplette Größe dessen tragen, was daraus irgendwann werden könnte. Für heute reicht vielleicht dieser eine ziemlich absurde Satz: Ich habe das verdammte Formular ausgefüllt.