Spuren · 27. August 2026
27. August 2026 Spur · 13.–27. August 2026 Persönliches Arbeit an der Reihe

Das Tutorial war auf höchster Schwierigkeitsstufe

Vor zwei Wochen war vieles davon noch deutlich loser. Die App war ein Projekt, an dem ich gearbeitet habe. Das Team war eher eine Idee davon, welche Menschen vielleicht irgendwann welche Rollen übernehmen könnten. Meine Webseite war voll mit Dingen, die für mich irgendwie zusammengehörten, aber von außen teilweise aussahen, als hätte ich fünf verschiedene Projekte gleichzeitig angefangen und vergessen, irgendwem zu erklären, was das alles miteinander zu tun hat. Was ja, wenn wir ehrlich sind, auch ungefähr der Zustand war.

Seit dem 13. August ist absurd viel passiert. Der Moment, der mir davon wahrscheinlich am meisten hängenbleiben wird, war erstaunlich unspektakulär: Ich hatte zum ersten Mal eine Alpha-Version der App auf meinem Handy, die ich tatsächlich benutzen konnte. Bisher gab es Visualisierungen, Dokumente darüber, was sie irgendwann können soll, Konzepte, Architekturpläne und Listen mit Modulen. Jetzt hatte ich sie in der Hand, und sie hat funktioniert.

Das klingt nach einem ziemlich kleinen Unterschied, wenn man vorher monatelang an Konzepten, Datenstrukturen und Logik gearbeitet hat. Für mich war es ein riesiger. Etwas, das vorher hauptsächlich in meinem Kopf, in Dokumenten und irgendwann im Code existiert hatte, war plötzlich ein Ding, das man anfassen, öffnen und benutzen konnte. Seitdem wird es immer greifbarer. Inzwischen kann ich öffentlich über INNENSCHAU sprechen. Noch nicht über alles, was darin steckt und was daraus langfristig werden soll. Aber immerhin darüber, dass es existiert und woran wir arbeiten.

Gleichzeitig wächst darunter eine Struktur, die von außen wahrscheinlich kaum jemand sieht. Wir haben angefangen, Datenbanken aufzubauen. Nicht einfach irgendwelche Sammlungen, sondern Systeme, bei denen möglichst früh geklärt wird, woher Informationen kommen, was sicher ist, was Interpretation bleibt und wo eine Hypothese vielleicht auch einfach falsch ist. Ich will nicht erst irgendwann ein fertiges Produkt haben und dann feststellen, dass darunter an zwanzig Stellen etwas wackelt. Das Bugfixing soll möglichst schon beim Bauen passieren. Das gilt für Code genauso wie für die Gedanken dahinter.

Während die technische Seite immer konkreter wird, entsteht langsam ein Team, womit ich vor ein paar Wochen selbst noch nicht richtig gerechnet habe. Ich meine damit nicht dieses klassische Startupbild mit fünf Leuten am Tisch, beeindruckenden Jobtiteln und einem LinkedIn-Beitrag darüber, dass man gemeinsam die Welt verändern wird. Es sind eher Menschen, die an unterschiedlichen Stellen etwas können, was das Ganze besser macht.

Dabei merkt man ziemlich schnell, dass Teambildung nicht daraus besteht, einfach ein paar gute Leute zusammenzubringen. Wir müssen klären, wer wohin passt, welche Verantwortung jemand überhaupt will und was er wirklich gut kann, statt nur auf dem Papier passend zu wirken.

Dazu kommen Fragen der Zusammenarbeit, wenn alle noch andere Verpflichtungen haben. Aus Begeisterung soll nicht direkt Überforderung werden. Es muss klar sein, welche Entscheidungen jemand treffen darf und wo Widerspruch gebraucht wird. Ich beschäftige mich damit, wie ein Projekt neurodivergenzfreundlich arbeiten kann, ohne intern dieselben starren Strukturen zu reproduzieren, die es nach außen kritisiert. Das ist teilweise anstrengender als der Code, aber gerade deshalb wichtig.

Parallel dazu baue ich meine Webseite praktisch noch einmal neu auf, ohne sie komplett wegzuwerfen. Auch da passiert eigentlich dasselbe wie bei allem anderen. Bücher, Fachrecherche, persönliche Texte, Neurodivergenz, Beziehungsmuster, Systemkritik, Quellcode und Projekte waren schon vorhanden. Für mich hing das alles zusammen, nur hat man das von außen nicht unbedingt gesehen.

Jetzt entsteht langsam ein roter Faden mit den Bereichen AuDHS und Nervensystem, Beziehungen und Muster, Macht und Systeme sowie Quellcode und Erkenntnis. Sie sind weniger vier voneinander getrennte Schubladen als vier Stellen, an denen man in dasselbe System einsteigen kann.

Ich glaube, das passiert bei mir gerade insgesamt: Aus einem ziemlich wirren Chaos wird langsam etwas Stringentes, obwohl keineswegs weniger passiert. Ich sitze teilweise 30 oder 35 Stunden am Stück am Computer, schlafe zwei oder drei Stunden und arbeite danach weiter. Wenn ich auf eine Sache keine Lust mehr habe, mache ich nicht zwangsläufig Schluss, sondern gehe an eine andere Baustelle.

Wenn ich keine Lust mehr auf Code habe, schreibe ich. Danach geht es vielleicht an die Webseite, die Datenbank, Instagram, Recherche oder irgendein Problem, das seit drei Tagen offen herumliegt. Von außen sieht das vermutlich komplett chaotisch aus; für mich funktioniert es gerade erstaunlich gut. Trotzdem ist dieser Schlafrhythmus natürlich kein besonders sinnvoller Dauerzustand. Mich interessiert daran weniger, möglichst lange am Stück zu arbeiten, als dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit sehr weitgehend selbst bestimmen kann, woran ich meine Energie gerade hänge.

Während ich an diesen Sachen gleichzeitig arbeite, wird meine Wohnung Stück für Stück ordentlicher. Das passiert nicht auf einmal: erst eine Ecke, ein Tisch oder ein Stapel, dann wieder zwei Tage gar nichts und plötzlich das nächste Stück.

Essen fällt mir wieder leichter, mein Gewicht bleibt stabil. Ich habe nicht mehr ständig das Gefühl, gegen einen Körper anzukämpfen, der während allem anderen einfach weiter abbaut. Neben Appentwicklung, Forschung und Unternehmensaufbau klingt das vielleicht banal. Für mich ist es das überhaupt nicht, weil ich gerade ziemlich direkt sehe, dass sich mit meinen Projekten irgendwie auch mein Leben ordnet.

Und gleichzeitig läuft der Instagram-Neustart noch mitten im Prozess. Auch dort geht es inzwischen weniger darum, einfach irgendeinen Content zu produzieren. Ich versuche gerade, meine eigene Geschichte noch einmal so zu erzählen, dass man versteht, warum ich überhaupt bei all diesen Themen gelandet bin. Warum AuDHS und meine Hypothese möglicher komplexer Traumafolgen etwas mit meiner Arbeit zu tun haben.

Ich möchte auch erzählen, warum ich mich so intensiv mit Beziehungsmustern beschäftige und warum mich Machtstrukturen interessieren. Warum ich bei irgendeinem Symbol plötzlich wissen will, wo es historisch herkommt, wo es sonst auftaucht und ob die Verbindung, die mein Kopf gerade gebaut hat, wirklich existiert oder ob ich mir da einfach etwas zusammenspinne.

Aus dieser letzten Frage entstehen inzwischen Teile des Projekts, bei denen ich selbst merke, wie groß das Forschungspotenzial werden könnte. Wir haben damit keine neue Wahrheit gefunden, aber diese Art des Suchens lässt sich strukturieren: beobachten, erkennen, erklären, vergleichen und prüfen. Dazu gehört, auch zu dokumentieren, wenn man nichts findet, mehrere Beobachter getrennt arbeiten zu lassen und Hypothesen festzuhalten, bevor man weiß, ob sie bestätigt werden.

Irgendwann könnte man vielleicht Dinge untersuchen, die bisher deshalb kaum sinnvoll untersucht wurden, weil sie entweder sofort in die Ecke „Unsinn“ oder sofort in die Ecke „verborgenes Wissen“ geschoben werden. Mich interessiert inzwischen viel stärker der Raum dazwischen: was übrig bleibt, wenn man wirklich hinschaut, und was man daraus bauen kann, das nicht nur mir etwas bringt.

Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zu vorher. Ich wollte lange verstehen, warum ich so funktioniere, warum Beziehungen bei mir so eskalieren konnten und warum Institutionen auf manche Menschen so wirken, wie sie wirken. Mich hat beschäftigt, warum bestimmte Muster immer wieder auftauchen, warum Menschen Dinge glauben und warum ich selbst Dinge glaube.

Inzwischen reicht mir Verstehen alleine nicht mehr. Ich will daraus Werkzeuge bauen, mit denen andere Menschen selbst hinschauen können, ohne dafür meine Deutung übernehmen zu müssen. An diesem Punkt wird aus einem persönlichen Projekt langsam etwas, das gesellschaftlich interessant werden könnte, vielleicht auch wissenschaftlich. Ich habe dadurch nicht plötzlich alle Antworten, aber es entsteht eine Infrastruktur, in der man bessere Fragen stellen kann.

Während das alles passiert, merke ich langsam, wie absurd viel von den letzten Jahren vielleicht Vorbereitung auf diese Phase war. Die abgebrochenen Sachen, die Institutionen, die Beziehungen, die Sucht und die Arbeit gehören dazu, ebenso das Scheitern an Dingen, bei denen mir immer wieder gesagt wurde, ich hätte doch eigentlich genug Potenzial. Dieses ewige Gefühl, dass ich gleichzeitig zu viel kann und an vollkommen lächerlichen Dingen hängenbleibe.

Ich glaube nicht, dass irgendeines dieser Dinge „passieren musste“. So romantisch möchte ich meine Vergangenheit nicht umschreiben. Aber jetzt, wo ich hier stehe, habe ich Werkzeuge daraus.

Vielleicht ist das die passendste Beschreibung für den Punkt, an dem ich gerade bin: Das Tutorial war auf höchster Schwierigkeitsstufe. Teilweise ohne Anleitung und mit Aufgaben, bei denen ich nicht einmal wusste, welches Spiel ich eigentlich spiele.

Jetzt ist nicht plötzlich alles leicht, und das Spiel ist auch nicht durch. Aber zum ersten Mal fühlt es sich an, als wäre das freie Spiel freigeschaltet und ich könnte mit dem ganzen Zeug, das ich unterwegs gelernt habe, tatsächlich etwas bauen.