Zwischen Stillstand und Aufbruch
Ich schreibe das hier gerade, obwohl ich eigentlich an Band 0 weiterschreiben sollte. Passiert aber nicht. Mein Fokus verschiebt sich im Moment teilweise täglich, manchmal stündlich. Vor ein paar Wochen hätte ich wahrscheinlich noch versucht, mich dafür fertigzumachen und mich irgendwie dazu zu zwingen, bei der Sache zu bleiben, die auf irgendeiner Liste ganz oben steht. Gerade lasse ich es einfach laufen.
Auch Instagram liegt ziemlich still, obwohl mir der Stoff nicht fehlt. Ich habe genug Material: Ideen, angefangene Texte und Dinge, die eigentlich nur noch fertig gemacht werden müssten. Ich will mich gerade nur nicht besonders gerne zeigen. Das ist wahrscheinlich die einfachste Beschreibung dafür.
Also fließt die Energie zum Beispiel in diese Webseite. Die ist momentan einer der wenigen Orte, an denen ich das Gefühl habe, dass wirklich etwas vorwärtsgeht. Es ist nicht unbedingt geordnet, aber es bewegt sich etwas. Texte entstehen, Strukturen werden klarer, und Dinge, die bisher nur irgendwo in meinem Kopf nebeneinanderlagen, bekommen langsam einen Platz.
Gleichzeitig bin ich seit Kurzem arbeitslos. Nach der üblichen Erzählung müsste sich das vermutlich wie ein Rückschlag anhören, für mich fühlt es sich gerade aber eher wie ein Befreiungsschlag an. Zum ersten Mal seit Langem ist nicht schon fast meine gesamte Energie verplant, bevor der Tag überhaupt angefangen hat. Ich habe Zeit, die tatsächlich mir gehört.
Und ausgerechnet jetzt, wo diese äußere Freiheit da ist, merke ich, wie wenig frei ich mich an anderen Stellen gerade fühle. Im Alltag bin ich teilweise wie gelähmt. Die Kindheit kommt hoch. Nicht sauber sortiert und auch nicht dann, wenn ich beschließe, mich damit zu beschäftigen. Manchmal reicht irgendein Bild, ein Satz oder eine Erinnerung, und plötzlich sitze ich da und weine. Ich lerne gerade erst, dass Dinge nicht deshalb verarbeitet sind, weil man zwanzig Jahre irgendwie weiterfunktioniert hat.
Der Kontakt zu meinen Eltern ist inzwischen komplett abgebrochen. Dass von ihnen praktisch nichts kommt, belastet mich. Und gleichzeitig verändert genau dieses Schweigen meinen Blick auf die Beziehung zu ihnen.
Ich habe lange geglaubt, zwischen uns gäbe es irgendeine gemeinsame Grundlage, die nur immer wieder von Konflikten überlagert wird. Gerade frage ich mich eher, ob diese Grundlage überhaupt jemals so existiert hat, wie ich sie mir vorgestellt habe. Vielleicht bestand ein großer Teil des vermeintlichen Friedens einfach darin, dass ich mich angepasst habe. Das ist keine besonders angenehme Erkenntnis.
Dazu kommen die kleinen Dinge, die von außen lächerlich wirken können und gerade trotzdem kaum funktionieren. Dutzende Nachrichten liegen unbeantwortet herum, auf Instagram und privat, auch von Menschen, die mir eigentlich wichtig sind.
Aus meiner Familie schreibt mir sowieso fast nur noch eine Person regelmäßig, und selbst da kann es passieren, dass ich tagelang nicht antworte. Es ist mir nicht egal, aber eine Antwort kostet gerade manchmal mehr Energie, als ich dafür übrig habe. Dieses absurde Missverhältnis kenne ich schon mein ganzes Leben: Ich kann mich stundenlang in ein kompliziertes Problem graben und gleichzeitig an einer Nachricht mit drei Sätzen hängenbleiben.
Die alte Beziehung läuft irgendwo im Hintergrund ebenfalls noch mit. Früher haben mich einzelne Dinge komplett aus der Bahn geworfen. Inzwischen ist es eher ein leiser Grundton, den ich nicht ständig bewusst höre, der aber trotzdem da ist.
Essen und Schlaf sind gerade schwierig. Ich kann acht Stunden schlafen und aufwachen, als hätte mein Körper die ganze Nacht gearbeitet. Cannabis ist im Moment das zuverlässigste Mittel, mit dem ich meinen Zustand überhaupt beeinflussen kann. Das ist die gute Nachricht und gleichzeitig ziemlich offensichtlich das Problem. Ich merke selbst, dass der Konsum zu hoch ist, und muss mir da nichts schönreden.
Nur bringt es auch nichts, so zu tun, als würde ich das Zeug ohne Grund konsumieren. Es erfüllt gerade eine Funktion. Wenn ich daran etwas ändern will, muss ich wahrscheinlich irgendwann verstehen, was genau ich stattdessen brauche. Heute halte ich erst einmal fest, dass es so ist.
Zwischen all dem passieren gleichzeitig erstaunlich gute Dinge. In den letzten Wochen hatte ich ungewöhnlich viele Gespräche, in denen Menschen plötzlich sehr offen über ihre eigenen Erfahrungen gesprochen haben: über Trauma, Missbrauch, Familie und Beziehungen, also Dinge, über die man normalerweise nicht beim zweiten Gespräch redet. Ich habe danach nicht gefragt, es passiert einfach.
Aus einigen dieser Kontakte entsteht gerade etwas, das noch keinen richtigen Namen hat. Menschen, die auf unterschiedliche Weise dasselbe Bedürfnis haben: hinschauen, aufklären, Missbrauch nicht einfach stehenlassen und vielleicht irgendwann etwas daraus bauen, das anderen wirklich hilft. Noch ist das alles lose. Vielleicht bleibt manches davon auch lose. Ich weiß es nicht.
Ich merke, dass sich gerade gleichzeitig zwei völlig unterschiedliche Bewegungen in meinem Leben abspielen. Nachrichten und Alltag bleiben liegen, Dinge aus der Vergangenheit kommen hoch, und mein Körper macht teilweise einfach dicht. Gleichzeitig entstehen diese Webseite, die Bücher und neue Kontakte. Ideen bleiben plötzlich nicht mehr nur Ideen.
Vielleicht muss ich gerade gar nicht entscheiden, welche dieser beiden Seiten die „wahre“ ist. Beides ist da. Ich weiß nicht, wie lange diese Phase dauert, und will sie deshalb so festhalten, wie sie gerade ist, ohne sie schöner oder schlimmer zu machen.